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Jahrgang 1989-90 - Treffen 2004

"Wendeabiturienten haben Schwein gehabt"

Jahrgangstreffen am Döbelner Lessing-Gymnasium /
EOS-Absolventen von 1989 und 1990 treffen sich am Sonnabend

Eine Rückkehr an Stätten eigenen, vergangenen „Wirkens" ist fast immer mit ein bisschen Wehmut verbunden. Für rund 120 ehemalige Schüler der Gotthold-Ephraim-Lessing-EOS war das bei ihrem ersten Jahrgangstreffen am Sonnabend Abend sicherlich keinen Deut anders.

Vielleicht haben sich einige mit einem Schmunzeln an das Spicken bei einer großen Klassenarbeit erinnert (und an den Moment, in dem man erwischt wurde), an die fast rituellen Besuche der Schuldisco (mit einer Flasche Wodka im Ärmel, den man dann in die Club-Cola mischte) und die erste zarte Jugendliebe (samt wilder Knutscherei in dunklen Ecken des altehrwürdigen Schulhauses).

Solche Erinnerungen, vor allem aber Fragen wie „Mensch, bist Du das?", „Wo lebst Du jetzt?" und „Wie geht es Dir?", also nach dem Werdegang nach der gemeinsamen Schulzeit, dominierten den Abend der EOS-Absolventen von 1989 und 1990. „Wir haben echt Glück gehabt", meint Riccardo Barkawitz, von allen nur „Rick" genannt, wenn er sagt, dass nach Schulende allen eine neue, große Welt offen stand. „Wir mussten keinen Mist studieren oder gar Offizier werden, um überhaupt einen Studienplatz zu bekommen. Wir haben wirklich Schwein gehabt".

Damit spielt der 33-Jährige auch auf die Abi-Jahrgänge an, die in den Jahren vor ihnen die Erweiterte Oberschule (EOS) verließen. „Viele dieser Leute waren schon mitten im Studium oder hatten die NVA-Uniform an, als die Wende kam", so Barkawitz. „Denen wurde dann gesagt, sie hätten angeblich alles falsch gemacht und wertvolle Jahre ihres Lebens in den Sand gesetzt". Trotz solcher Gedanken sei es für ihn „eine Freude, die ganzen alten Nasen wieder zu sehen".

Für den ersten Versuch eines Jahrgangstreffens lief die Rückmeldung erstaunlich gut, von 190 Angeschriebenen hatten sich knapp 120 in der Schulmensa des Gymnasiums versammelt. Barkawitz ging nach dem Abitur nach Leipzig, begann ein Lehramtsstudium für Mathe und Physik. Doch wie viele ehemalige und aktuelle Semester Leipziger Uni-Studenten erlag auch Rick dem „Lockruf der nahe gelegenen „Moritzbastei". Der Studentenclub, von allen nur „MB" genannt, zog den Ex-Döbelner mit seinen vielen Konzerten, Kulturveranstaltungen und „dem ein oder anderen kühlen Bierchen" in seinen Bann - und ließ ihn nicht wieder los. Heute ist Barkawitz hauptamtlicher Programmchef der „Moritzbastei".

Dass für Riccardo Barkawitz der Beruf des Veranstaltungschefs eher eine Berufung ist und in ihm ein echter Eventmann steckt, ließ sich nicht nur am schnellen Aufbau der Veranstaltungstechnik festmachen: „Ich habe mal noch etwas mitgebracht", meint er und zaubert einen Stapel kleiner Werbebroschüren hervor, die alle das MB-Logo tragen. „Kann ja sein, dass meine ehemaligen Mitschüler beim Lesen unseres Konzertplans wieder mal Bock auf gute Musik kriegen. Und auf ein kühles Bierchen".

Döbelner Allgemeine Zeitung
F. Schmiedel
20.09.2004

"Die ganzen alten Nasen"

Abi vor 15 Jahren: "Wende-Jahrgänge" sehen sich erstmals wieder

"Sag mal, stand dort nicht unsere Turnhalle?" Ungläubigen Blickes tastet sich ein Grüppchen Ex-Lessing-Schüler über den Schulhof zur Mensa. Sie gehören zu denen, die 1989 und 1990 das Gymnasium verließen und dieses noch als Erweiterte Oberschule kennen gelernt haben. Und damals, da stand noch die alte Turnhalle, auch das marode Gartenhaus.

Nach 15 Jahren trafen sich die beiden "Wende-Jahrgänge" am Samstag zum ersten Mal in großer Runde wieder. Von den rund 220 ehemaligen Klassenkameraden kamen etwa die Hälfte. "Wir haben jahrgangsübergreifend viel gemeinsam gemacht, Fasching gefeiert, FDJ-Kulturtage in Weimar und so´n Zeugs", erinnert sich Riccardo Barkawitz, Organisator des "Doppel-Treffens". "Damals waren wir längst nicht so viele Leute an der Schule wie heute, nur zwei Jahrgänge mit jeweils sechs Klassen.

Für Barkawitz persönlich sei die Wende zum richtigen Zeitpunkt gekommen, weil sie ihm die Augen geöffnet habe. "Von Haus aus war ich von Sozialismus und DDR überzeugt", erzählt er. Irgendein Funktionär wäre aus ihm geworden, ein NVA-Offizier auf jeden Fall. Es kam ganz anders "zum Glück".

Riccardo Barkawitz arbeitet heute als Programmchef in der Leipziger Moritzbastei und ist zufrieden mit dem Job in der Kultur-Szene. Obwohl die Laufbahn, die er nach dem Abitur einschlug, in eine völlig andere Richtung gegangen war. "Ich habe Lehramt Mathe/Physik studiert. Mein damaliger Klassenlehrer Matthias Müller, der heute stellvertretender Schulleiter ist, war da für mich eine Art Vorbild".

Während Barkawitz erzählt, trudeln immer mehr "Ehemalige" ein. Rolf Rank zum Beispiel. "Ach der Rolf, im GST-Lager hat er immer auf Kommando gerülpst, ganz tief aus dem Bauch heraus", begrüßt ihn Barkawitz. "Es ist so herrlich, die ganzen alten Nasen wiederzusehen."

Döbelner Anzeiger
mati
20.09.2004