13.08. Kaum umgebaut, schon vermietet

Junges Paar zieht in WGF-Musterwohnung in Döbeln / Lessing-Gymnasiasten haben diese entworfen

Das große Bad kommt gut an bei den neuen Mietern. Anfang des Jahres hatte die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt (WGF) Abiturientinnen frei Hand gelassen bei der Gestaltung einer Wohnung im fünften Stock des Blockes an der Unnaer Straße. Nun ist diese vermietet – an zwei junge Leute, die kaum älter sind, als die jungen Frauen, die mittlerweile ihr Abi in der Tasche haben.

Michelle Baumgart und Jonas Butzlaff stecken im Umzugsstress. Die jungen Leute, beide Anfang der 20, ziehen in eine größere Wohnung. Diese liegt zwar im 5. Stock, aber den neuen Mietern gefällt sie gut. „Das Bad ist schön, wir haben einen Balkon und farblich macht die Wohnung auch was her“, sagt Michelle Baumgart. Ein Kinderzimmer hat diese übrigens auch. „Das nutzen wir erstmal als Arbeitszimmer“, sagt Jonas Butzlaff. Gerade sind die Küchenbauer in ihrem neuen Domizil zugange. Für den Umzug hat das Paar seinen Freundeskreis mobilisiert.

Der richtige Wohnungsschlüssel ist natürlich kleiner. Jonas Butzlaff und Michelle Baumgart (2. u. 3. v.l.) ziehen in die neue Musterwohnung der WGF. Diese haben Abiturientinnen gestaltet. Foto: Gerhard Dörner

Quadratisch, praktisch, gut – aber teilweise ein bisschen eng. So kennt man sie, die Zwei -und Dreiraumwohnungen im Wohngebiet Döbeln Ost-II. Vor allem in Bad, Küche und Flur ist nicht besonders viel Platz. Das ist seit dem Umbau anders. Der Flur ist groß, zum Kinderzimmer der ehemaligen Dreiraumwohnung ist als neuer Raum ein Teil der anderen Wohnung hinzu gekommen. Während also die eine Wohnung schrumpfte, vergrößerte sich die Grundfläche der anderen. In dieser Wohnung haben die Handwerker die siebener Gasbeton-Wand zwischen Küche und Bad durchbrochen. Das geht, die trägt nicht. Dadurch ist ein großes Bad entstanden, der WC-Bereich ist vom Bad-Bereich abgetrennt. Weil von der ehemaligen Küche ein Stück abgeknapst wurde, ist der Flur größer geworden. Und wo einst die Schlafstube war, ist jetzt die Küche, eine neue Trockenbauwand trennt diese von der auch etwas geschrumpften Wohnstube. Auch die Türöffnungen haben die Handwerker verbreitert und sich dabei durch bis zu 18,5 Zentimeter starken Beton geflext. Im neu entstandenen Zimmer ist die Türöffnung ganz aus der Betonwand geschnitten. Im Unterricht Gemeinschaftskunde, Recht und Wirtschaft bei Lehrer Tommy Greim hatten die Gymnasiasten Wohn- und Mietrecht durchgenommen. So kam es zur Kooperation mit der Wohnungsgenossenschaft, die die Schüler gleich an die Grundrisse und freie Hand beim Umgestalten ließ. Und das nächste Projekt ist in Planung, wie Katja Näther, Mitarbeiterin für Soziales und Projekte bei der WGF sagt. Es ist für 2020 angedacht.

Drei Absolventinnen des Lessing-Gymnasiums waren gestern zur Schlüsselübergabe bei der WGF gekommen, die sich als Innenarchitektinnen betätigt haben. Von ihnen strebt diesen Beruf aber zunächst keine an. Lilly-Marlen Wetzig wartet auf ihren Studienplatz, will Grundschullehrerin werden. Annika Großmann absolviert demnächst eine Ausbildung im sozialen Bereich und Maria Bollmann zieht es über den großen Teich nach Kanada und sammelt mit Work and Travel Erfahrungen. Vielleicht hat der eine oder andere Kanadier eine Wohnung zu planen...

Döbelner Allgemeine Zeitung
Dirk Wurzel
13.08.2019


Junges Pärchen zieht in Projektwohnung

Die beiden sind von dem umgestalteten Altneubau begeistert. Die Ideen stammen von Gymnasiastinnen.

Die neuen Mieter haben sich in die Wohnung in der fünften Etage eines Wohnhauses an der Unnaer Straße verliebt. „Die ist richtig schön geworden. Ein großes Bad, Balkon und große Räume mit schönen Farben. Man findet es selten, dass das Bad auf dem neusten Stand ist“, schwärmt Michelle Baumgart (21). Sie wird mit ihrem Freund Jonas Butzlaff (20) in die Wohnung der WG Fortschritt einziehen.

Am Montag bekamen sie den symbolischen Schlüssel überreicht. Denn die Dreiraumwohnung in dem Altneubau ist etwas Besonderes. Schülerinnen der 12. Klasse des Lessing-Gymnasiums hatten sie in einem bisher einmaligen Projekt mit der Genossenschaft entworfen.

Anfang des Jahres hatten die Zwölftklässlerinnen des Gymnasiums die Wohnung besichtigt, die sich damals gerade im Umbau befand. Die Schülerinnen und Lehrer Tommy Greim standen im neuen Bad, dem die kleine Küche zugeschlagen wurde. Archiv/André Braun

Und die WG Fortschritt beließ es nicht bei Papier, sondern baute die Wohnung nach den Vorstellungen der jungen Leute tatsächlich um. Das Pärchen entdeckte sie in einem Immobilien-Internetportal. Gerade lässt es noch eine Küche einbauen, beim Umzug sollen Freunde helfen, erzählen die beiden.

Die 76 Quadratmeter große Wohnung ist für die Bedürfnisse junger Leute oder einer Familie mit Kindern optimiert worden. Es könnte auch eine Wohngemeinschaft von drei Leuten einziehen. Wichtigster Umbau: Der typische schmale Flur wurde verbreitert, was die neuen Mieter begeistert, weil sie jetzt etwas hineinstellen können.

Die kleine Küche der Wohnung wurde zugunsten eines größeren zweigeteilten Bades aufgegeben. Stattdessen gibt es jetzt eine große Wohnküche. Außerdem Wohnzimmer, Schlafzimmer und einen weiteren kleinen Raum.

Der lange Aufstieg in die fünfte Etage wird dafür von den neuen Mietern in Kauf genommen. „In unserer bisherigen Wohnung haben wir einen Aufzug“, sagte Jonas Butzlaff. Mit dem Thema Aufzüge müsse man sich grundsätzlich befassen, sagte Silke Hartig, bei der WG Fortschritt zuständig für Neuvermietungen. Der Bedarf an leicht zugänglichen Wohnungen sei groß. „Wir haben viele Anträge für Wohnungen in der ersten, zweiten und dritten Etage.“ Wohnungen in den oberen Etagen ohne Aufzug lassen sich dagegen nur schwer vermieten.

Silke Hartig (5.v.l.) übergibt den symbolischen Schlüssel an Michelle Baumgart und Jonas Butzlaff. Mit auf dem Foto: Katja Näther (l.), Vorstand Sven Viehrig, Lilly-Marleen Wetzig, Annika Großmann und Maria Bollmann. Jens Hoyer

Für eine zweite Projektwohnung auf der gleichen Etage sucht die Wohnungsgenossenschaft noch Mieter. Sie ist mit 47 Quadratmetern kleiner als die andere. Das junge Pärchen findet auch sie schön. „Ich werde mal ein paar Bekannte fragen, ob sie daran Interesse haben“, sagte Jonas Butzlaff.

Das Projekt mit den Gymnasiasten soll nicht das letzte gewesen sein. „Es hat uns sehr viel Spaß gemacht“, sagte Katja Näther, bei der Wohnungsgenossenschaft zuständig für das Projekt. „Wir haben schon neue Ideen, aber es ist noch nichts spruchreif“, sagte sie. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Beruflichen Schulzentrum sei denkbar. Starten würde das neue Projekt erst im nächsten Jahr.

Die Zusammenarbeit mit dem Lessing-Gymnasium hatte die Wohnungsgenossenschaft 2017 begonnen. Zwei Jahrgänge Schüler hatten Ideen fürs „Junge Wohnen“ entwickelt und im Fach GRW (Gesellschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft) unter Anleitung von Lehrer Tommy Greim praxisreif gemacht. Zwei geeignete Wohnungen wurden gefunden. Die Genossenschaft setzte die Entwürfe schließlich um.

Lilly-Marleen Wetzig, Annika Großmann und Maria Bollmann, die mit zu den Entwerferteams am Gymnasium gehörten, waren bei der Übergabe dabei. Die Arbeit hat bei ihnen, die jetzt das Abitur in der Tasche haben, erst einmal keine bleibenden Spuren bei der Berufswahl hinterlassen. Lilly-Marleen wartet auf einen Studienplatz, sie will Grundschullehrerin werden. Annika Großmann beginnt eine Ausbildung im sozialen Bereich und Maria Bollmann geht erst einmal für ein knappes Jahr auf Tour nach Kanada.

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
13.08.2019