02.05. Als Streichhölzer durch Döbeln liefen

Ein Gespräch gibt Einblicke in die 150-jährige Geschichte des Gymnasiums.

Die Atomgewichte der Elemente an der Wand des Raumes machen deutlich: Das heutige Kunstgebäude des Lessing-Gymnasiums war einst als Laborgebäude gebaut worden.

Die Chemietabelle aus dem Jahr 1909 ist bei der Sanierung des Raumes wieder zum Vorschein gekommen und wurde erhalten. Die moderne Variante hängt genau gegenüber. „Die interaktive Tafel stammt aus dem Jahr 2010", erklärt Schulleiter Michael Höhme. Mit Geschichtslehrerin Katrin Niekrawietz und der Achtklässlerin Amélie Hanke geht er vor ehemaligen Gymnasiasten auf einen Exkurs durch die 150-jährige Geschichte der Schule.

Amélie Hanke arbeitet im Museum des Gymnasiums mit und stellt die Entwicklung der Zeugnisse und Veränderungen bei Exkursionen in den vergangenen 150 Jahren vor. Foto: Dietmar Thomas


Die begann am 25. März 1869 in der Schlossbergschule als Realschule erster Ordnung. Eine Schuluniform gab es nicht. Aber mit ihren roten Mützen fielen die Schüler in der Stadt auf und bekamen schnell den Spitznamen Streichhölzer. „Auch der Gang der jungen Männer zeugte davon, dass sie auffallen wollten", sagt Katrin Niekrawietz und demonstriert, wie sie hintereinander im Takt, ein Bein auf dem Fußweg, das andere auf der Straße durch Döbeln marschiert sind.

Viele Episoden regen zum Schmunzeln an. Einige auch zum Nachdenken. 40 Schüler begannen damals in der Quarta, fünf schafften die Reifeprüfung und waren damit 1874 die ersten Abiturienten. Drei Hauptbücher besitzt das Gymnasium, in denen alle Schüler aufgelistet sind, die jemals das Gymnasium besucht haben. „Bis heute sind das 17 898 Mädchen und Jungen. Mit den 105 neuen Fünftklässlern knacken wir die 18 000-er-Marke", so Höhme.

Das Döbelner Gymnasium hat einige bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht. Harald Bretschneider, der als Pfarrer in der DDR die Aktion „Schwerter zu Pflugscharen" initiierte und Kriminalschriftsteller Heinz Werner Höber, der die Jerry-Cotton-Romanserie schrieb. „Von den 250 Heften wurden über 700 Millionen Exemplare verkauft", sagt der Schulleiter. Auch Hannelore Kohl, die Ehefrau des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, und Maika Fischer, Team-Managerin beim DFB in Frankfurt am Main, waren Döbelner Gymnasiasten.

Über die Jahrzehnte hat sich viel verändert. War eine Schulstunde anfangs 60 Minuten lang und teilte sich der Tag in Vormittags- und Nachmittagsunterricht, wurde 1911 die 45-Minuten-Stunde eingeführt und nur noch vormittags unterrichtet. Heute gibt es außerdem Blockunterricht, bei dem zwei Stunden desselben Faches zusammengezogen werden. Die Leistungen der Gymnasiasten wurden 1882 mit Noten von Eins bis Drei bewertet, wobei unter dem Zeugnis ein bemerkenswerter Satz stand, meint Amelie Hanke: „In Betragen und Fleiß drückt jede Zensur unter 1 einen Tadel aus."

Früher wie heute gibt es Exkursionen, erklärt die 14-Jährige. Allerdings werden für die heute pro Person 153 Euro fällig. „1934 reichten 153 Reichsmark für eine ganze Klasse", sagt sie. Während damals auf den Ausflügen Wert auf die Bildung der Schüler gelegt wurde, dienten die heutigen vor allem dem Klassenzusammenhalt.

Unverändert werden bei den Abiturfeiern Reden gehalten. Um 1900 ging es dabei vor allem um wissenschaftliche Themen. Heute lassen die Jahrgangsbesten die achtjährige Schulzeit Revue passieren, oft auch mit einem Augenzwinkern.

Döbelner Anzeiger
Cathrin Reichelt
03.05.19


Geschichten und Anekdoten einer 150-Jährigen

Historikerplausch am Lessing-Gymnasium Döbeln
Erbauliche Geschichten rund um das Döbelner Gymnasium und mit einem Augenzwinkern vorgetragen, gab es am Montagabend im Kunstgebäude des Lessing-Gymnasiums zu hören. Plaudernd sorgten Schulleiter Michael Höhme und Geschichtslehrerin Katrin Niekrawitz für unterhaltsame zwei Stunden mit Anekdoten, Filmchen, Dokumenten und Personen aus 150 Jahren Schulgeschichte.

Seltene Fotos und Dokumente aus dem Archiv und dem Schulmuseum zeigten bärtige, kauzige Lehrer aus der Gründungszeit der höheren Lehranstalt um 1869, dazu ein Foto vom Richtfest des Gymnasium-Hauptgebäudes. Zudem wurde erklärt, wie die Pauker aus früherer Zeit zu ihren Spitznamen kamen. Per Filmausschnitt von 1985 kamen ehemalige Lehrer zu Wort, die 30, manche sogar 40 Jahre am Gymnasium unterrichteten und ganze Schülergenerationen prägten.

Geklärt wurde auch die Frage, warum die Lessing-Schüler früher „Streichhölzer“ genannt wurden. Die roten Mützen hatten Michael Höhme und Katrin Niekrawitz dazu aus dem Schulmuseum mitgebracht. Damit zeigten die Schüler durchaus stolz ihre Zugehörigkeit zur Schule. Wie sich Klassenfahrten und die Aufsatzthemen im Fach Deutsch im Laufe der 150 Jahre Schulgeschichte änderten, machten die beiden Lehrer ebenso zum Thema des unterhaltsamen Historikerplausches.


In den Hauptbüchern der Schule, sind bis heute 17 898 Schüler seit Schulgründung 1869 erfasst. Mit den fürs neue Schuljahr angemeldeten 105 neuen Fünftklässlern wird die 18 000-Marke im August geknackt.

Aus der Schülerschaft sind dabei einige interessante Persönlichkeiten hervorgegangen. So der Kriminalschriftsteller Heinz-Werner Höber, der das Gymnasium von 1941 bis 1948 besuchte ,und als Erfinder der Jerry-Cotton-Kriminalromane mit 700 Millionen verkauften Exemplaren gilt. Kanzlergattin Hannelore Kohl besuchte 1944/45 die Schule in Döbeln. Chemiker Richard Müller (Abiturjahrgang 1923) gilt als Erfinder der Silikone. Eine interessante Biografie hat auch Werner Gruner aus dem gleichen Abiturjahrgang 1923. Er entwickelte 1942 bei der Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Großfuß in Döbeln maßgeblich das Maschinengewehr M42 mit. Als technisch-wissenschaftlicher Spezialist wurde Gruner 1945 in die Sowjetunion gebracht und kehrte erst Anfang der 50er Jahre zurück. Ab 1952 lehrte er als Professor an der Fakultät für Maschinenwesen, Fertigungstechnik der spanlosen Formung der TU Dresden und war von 1958 bis 1961 deren Rektor.

Doch auch Absolventen jüngerer Zeit fanden am Montag Erwähnung: So etwa Erik Dubiel (Abiturjahrgang 2008), der als Investmentbanker bei Morgan Stanley in London tätig ist oder Maika Fischer, die beim Deutschen Fußballbund als Teammanagerin der Deutschen Fußballnationalmannschaft arbeitet und Susanne Dressler (geb. Naacke) vom Abiturjahrgang 1999, die als Juniorprofessorin für Musikpädagogik in Flensburg unterrichtet.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
02.05.2019