03.04.2014 Das digitale Klassenzimmer

Am Lessing-Gymnasium probieren Schüler gerade die Schule von morgen aus. Kann diese auf Bücher verzichten?

Es ist Dienstag, 5. Stunde am Lessing-Gymnasium. Vor der Tür des Klassenzimmers drängen sich die Zehntklässler. Als aufgeschlossen wird, holen sie ganz selbstverständlich kleine Tablet-Computer und Tastaturen aus einem großen Kasten. Sie halten die Zukunft in den Händen, davon ist Schulleiter Michael Höhme überzeugt. Die kleinen Computer werden über kurz oder lang in den Unterricht Einzug halten und so selbstverständlich sein wie heute das Mathebuch und der Taschenrechner. „Wir werden das noch erleben“, sagt Höhme.

Die Informatik-Lehrerin Sylvia Risse (von links) und die Zehntklässler Christoph Eppinger und Selina Paul halten die Zukunft des Unterrichts in den Händen kleine Tablet-Computer. Die Firma Samsung hat für einen Wettbewerb für fünf Wochen einen ganzen Klassensatz der Rechner und weitere Technik zur Verfügung gestellt. Die Schüler entwickeln eine App für den Vertretungsplan der Schule. Foto: Lutz Weidler

Die Zehntklässler im gesellschaftswirtschaftlichen Profil dürfen die mediale Zukunft des Unterrichts schon mal ausprobieren. Das Lessing-Gymnasium ist eine von 60 Schulen, die sich an einem Wettbewerb der Firma Samsung zur digitalen Schule beteiligen. Das koreanische Unternehmen stellt dafür 32 Tablet-Computer, einen Drucker und einen überdimensionalen Bildschirm zur Verfügung. Weil es ein Wettbewerb ist, müssen die Schüler mit den Rechnern auch etwas anstellen. Sie entwickeln mit der Programmiersprache Java eine sogenannte App, eines dieser kleinen Programme, die auf modernen Smartphones funktionieren. Die App soll es möglich machen, den Vertretungsplan der Schule, der im Internet verfügbar ist, ganz einfach aufs Handy abzurufen. Eine Sache mit durchaus praktischem Wert. Viele Schüler besitzen Smartphones mit Internetzugang, sagt Höhme. „Das Programm gibt es dann zum Herunterladen auf unserer Internetseite.“

Informatiklehrerin Sylvia Risse hat schon mal einen Prototyp entwickelt. „Ich habe die Winterferien zum Programmieren genutzt“, sagt sie. Ein paar Probleme waren zu knacken. Das Einloggen per Passwort auf der Schüler-Seite des Lessing-Gymnasiums zum Beispiel. Der Schüler bekommt auf seinem Smartphone exklusiv nur die Vertretungen für seine Klasse angezeigt.

Für fünf Wochen hat Samsung die Computertechnik zur Verfügung gestellt. Die Schüler, die nicht überm Programmieren sitzen, beschäftigen sich mit den Vermarktungsmöglichkeiten und der Preisgestaltung von Apps. Es wird ein Arbeitstagebuch über den Fortgang der Programmierung geführt. In der vergangenen Woche hatte Sylvia Risse einen Experten einer Firma aus Leipzig in den Unterricht eingeladen. Eine andere Schülergruppe programmiert ein kleines Spiel.

In einigen deutschen Schulen hat das digitale Zeitalter schon begonnen. Informatiklehrerin Risse hatte schon mit Kollegen zu tun, an deren Schulen ganze Klassen mit den Tablet-Computern ausgestattet sind. Auch Sachsen mache sich langsam auf den Weg, sagt Höhme. Einfach nur die nötige Technik zu kaufen, damit sei es nicht getan. „Man muss damit auch etwas Sinnvolles machen und didaktisch-methodische Konzepte entwickeln.“ Den Wettbewerb von Samsung hält er für eine gute Chance, schon mal erste Erfahrungen mit der Technik im Unterricht zu sammeln. „Irgendwann müssen wir damit starten.“

Der schulbuchlose Unterricht ist eigentlich gar nicht so weit weg. Das Gymnasium arbeitet heute schon mit elektronischen Varianten von Schulbüchern an seinen interaktiven Tafeln. Zur Vertiefung des Schulstoffs gibt es kleine Video- und Audio-Beiträge. „Das ist der Knaller bei diesen digitalen Varianten“, so Höhme. Während die Hersteller der Technik schon mit den Hufen scharren, seien die Schulbuchverlage beim Thema Digitalisierung noch zurückhaltend. „Ihnen fehlt noch das passende Geschäftsmodell.“

Theoretisch könnten die kleinen tragbaren Rechner irgendwann auch die Computerkabinette der Schulen ersetzen. Derzeit sei auf den Tablets aber noch nicht alles möglich, was im Informatikunterricht gebraucht wird, sagte Sylvia Risse.

Beim Umbau des Haupthauses wird auf die Entwicklungen schon vorgegriffen. Drei Klassenzimmer werden für die Arbeit mit den kleinen Rechnern optimiert, sagt Höhme. Im Haus steht dann auch eine kabellose Internetverbindung zur Verfügung, die für die Arbeit mit den Tablets gebraucht wird. Die gibt es auch schon im naturwissenschaftlichen Gebäude. Auch für das Kunstgebäude sei es eine Überlegung wert. „Dann brauchen wir nur noch jemanden, der uns 805 Tablets kauft“, meint der Schulleiter lachend. Mit etwas Glück ist mit dem Wettbewerb schon ein erster Schritt getan. Für den Sieger gibt es ein komplettes digitales Klassenzimmer im Wert von 20000 Euro.

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
03.04.2014


Vertretungsplan aufs Smartphone

Schüler des Lessing-Gymnasiums entwickeln eigene App / Tablet-Computer erobern das Klassenzimmer

Der Tablet-Computer im Unterricht - das dürfte am Lessing-Gymnasium Döbeln in absehbarer Zeit realistisch sein. Aktuell entwickeln Schüler der 10 b und e gemeinsam mit Informatiklehrerin Sylvia Risse eine eigene App und beteiligen sich damit an einem Wettbewerb. Der Hauptgewinn: Ein komplett für den Unterricht am Tablet eingerichtetes Klassenzimmer.
"Von einem solchen Gewinn träumen wir nur. Aber wir wüssten durchaus wohin damit", sagt Schulleiter Michael Höhme. Er ist überzeugt, dass in den nächsten Jahren auch am Lessing-Gymnasium mit den digitalen Computern in Notizbuchgröße unterrichtet wird und manches Buch oder Lehrmittel dann nur noch im Speicher des kleinen Handcomputers abrufbar ist. Auch hat die Schule einige Wörterbücher und Nachschlagewerke bereits als rein elektronische Lizenzen angeschafft. Beim aktuell laufenden Umbau im Hauptgebäude des Gymnasiums hat die Schulleitung bereits drei Räume definiert, die in ihrer Struktur so angelegt sein werden, dass dort in Zukunft mit Hilfe von Tablet-Computern gelehrt und gelernt werden kann. Auch ist im ganzen Gebäude ein drahtloses Netzwerk (WLAN) vorgesehen.

Paula Schmidt und Georg Ernst zeigen stolz die neue App mit dem Vertretungsplan des Lessing-Gymnasiums. Auf einigen Handys läuft bereits der Prototyp des Programmes.

Das digitale Klassenzimmer ist am Gymnasium für einige Wochen an der Außenstelle in der Bahnhofstraße schon Realität. 30 Tablet-Computer für Schüler und zwei Lehrergeräte, ein Großbildschirm und weiteres Equipment haben die Initiative "Digitale Bildung - Neu denken" und Hersteller Samsung dem Gymnasium gerade für "Ideen bewegen - Der Wettbewerb zur digitalen Schule" zur Verfügung gestellt. Bundesweit haben sich 150 Schulen für den Wettbewerb beworben - sechzig wurden nun zur Teilnahme am zweiten Durchgang ausgewählt.

Eric Hähnel, Florian Kunert und Bernhard-Alexander Jentzsch (kl. Foto, v.l.) wollen die Tablets am liebsten dauerhaft im Unterricht behalten. Fotos: Wolfgang Sens

Darunter Sylvia Risse mit ihren Schülern. Fünf Wochen lang entwickeln die Zehntklässler eine App, die den Vertretungsplan der Schule für Tablet-Computer und Smartphones aufbereiten soll. Der Prototyp einer App für das Google-Betriebssystem Android läuft bereits auf mehreren Smartphones von Lehrern und Schülern im Test. Die Programmierung einer Version für Apples iOS-Betriebssystem scheiterte an den Kosten für den Apple-eigenen App-Store. Info-Lehrerin Sylvia Risse hatte die Winterferien genutzt, um sich einen kleinen Vorlauf zu verschaffen. "Ich muss doch wissen, wie es geht, wenn ich meinen Schülern das Ganze gut erklären will", sagt sie dazu. Ihre Schüler gestalteten in der jüngsten Doppelstunde Informatik die Login-Seite, mit der sich jeder Schüler mit seinem Tablet oder Smartphone an der LGD-Homepage anmelden kann. Dann wird der Zugang zur Seite programmiert und ein Such-Algorithmus geschrieben, damit jeder nur die Vertretungsstunde für seine Klasse angezeigt bekommt. Programmiert wird in Java, was deutlich über das im Lehrplan gelehrte C+ hinausgeht. Parallel beschäftigen sich Schüler des gesellschaftswissenschaftlichen Profils mit der Vermarktung, Preisbildung und Urheberrechtsfragen. Auch ein Vertreter einer Leipziger App-Entwicklungsfirma war dazu im Unterricht zu Gast.
Bis 17. April soll alles fertig sein. Dann endet das Projekt und wird das Tablet-Klassenzimmer erst einmal wieder abgezogen. Schulleiter Michael Höhme ist aber überzeugt davon, dass in nicht allzu ferner Zeit für die aktuell 805 Lessing-Gymnasiasten das Tablet zum Unterricht gehören wird, so wie heute der wissenschaftliche Taschenrechner: "Die Zukunft hat schon begonnen." Thomas Sparrer