19.04. Digitale Schnitzeljagd durch die Stadt

Achtklässler erleben am Gymnasium lebensnahen Unterricht. Dafür braucht es nur ein paar Tablet-Computer.

Jeder der Achtklässler hat einen Tablet-Computer vor sich liegen. Sie schreiben auf der dazugehörigen Tastatur oder mit einem kleinen Stift direkt auf dem Bildschirm. Andere haben Luftbilder des Geländes des Lessing-Gymnasiums aus dem Internet gezogen, andere arbeiten mit einem Grafikprogramm. So könnte der Schulunterricht der Zukunft aussehen. Zumindest, wenn es nach Ursula Kührig geht. Die Fachleiterin am Lessing-Gymnasium arbeitet auf Landesebene bei einer entsprechenden Arbeitsgruppe mit. „Aber im Moment geht es da nicht so richtig voran“, sagt sie. Wie es sein könnte, das erleben gerade Schüler der Klasse 8a. Die Firma Samsung hat ihnen 30 Tablets für ein Projekt zur Verfügung gestellt.

Die Achtklässler Maike Dettmer, John Egel, Johann Eulitz und Selina Buchwald vermessen den Schulhof, um den Erdradius zu bestimmen. Der Bildschirm des Tablet-Computers zeigt ein Luftbild des Schulhofs auf Google Maps. Foto: Dietmar Thomas

Die drei Buchstaben GPS haben längst Einzug in den normalen Alltag gefunden. Das „Global Positioning System“ lässt Autofahrer die richtige Route finden, Wanderer den Weg nach Hause und Schiffe den richtigen Kurs. In fast jedem Tablet ist ein GPS-Modul eingebaut. In Döbeln haben die Satelliten die Schüler der 8a auf einer Rundwanderung durch die Stadt geführt. Bei der Schnitzeljagd ging es um mathematische Probleme, gepaart mit Allgemeinbildung. Wie viel Wasser passt ins Döbelner Stadtbad, wie groß ist die Fläche eines Dreiecks am Sitznischenportal des Rathauses? Auch einer der Stolpersteine für ermordete Juden musste mit Hilfe von GPS gefunden werden. Die Schüler haben auch recherchiert, wie das System funktioniert und wo seine Grenzen liegen. Ein paar Meter Abweichung bei den Geräten ist normal, sagte Informatiklehrerin Sylvia Risse. Trotzdem reicht es, um den Erdradius ziemlich exakt zu bestimmen. Die Schüler nutzen Schreibprogramme, legen ihre Daten in einer „Cloud“ ab, erarbeiten Präsentationen, schreiben Beiträge für Webseiten und drehen kurze Filme. So können die Schüler in den verschiedenen Arbeitsgruppen ihre Talente ausspielen. Mitte Mai holt Samsung die Tablets wieder ab.

Der Mini-Computer kann Tafelwerke, Schulbücher, den programmierbaren Taschenrechner ersetzen und viele Kilo in der Schultasche überflüssig machen – wenn denn jeder Schüler ein Tablet hätte. Das Lessing-Gymnasium hat gerade mal acht der Mini-Computer selbst angeschafft, sagte Ursula Kührig. Mehrere Schüler müssen sich einen teilen, wenn sie damit arbeiten wollen. „Mit 15 wären wir schon glücklich. Ein ganzer Klassensatz wäre natürlich das Allerbeste“, so Kührig. In keinem anderen entwickelten Land werde so wenig mit digitalen Medien gearbeitet wie in Deutschland, obwohl sie zum Alltag gehören, beklagt sie. „In so einer Stunde lernen die Schüler mehr fürs Leben als in jedem anderen Unterricht.“

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
19.04.2016


Döbelner Schüler vermessen mit dem Tablet die Erde

Achtklässler des Lessing-Gymnasiums lernen das GPS-System verstehen und nutzen /Schnitzeljagd mit Matheaufgaben

Nirgends in der westlichen Welt werden so wenig digitale Medien in der Schule eingesetzt wie in Sachsen“, sagt Ursula Kührig ernüchtert. Die Fachleiterin für Naturwissenschaften am Lessing-Gymnasium Döbeln weiß wovon sie spricht. Sie ist eine von 20 Promotoren, die an der Hochschule in Chemnitz Anleitungen für den Unterricht mit Tablets erarbeiten. Als Mathelehrerin arbeitet sie gerade mit ihrer Informatik-Kollegin Sylvia Risse mit der Klasse 8a der Schule in einem spannenden Tablet-Projekt. Bei „Ideen bewegen – der Wettbewerb zur digitalen Schule“ hatte sich das LGD beworben. Die Firma Samsung leiht dafür einen kompletten Satz Tabletcomputer aus. Ursula Kührig und Sylvia Risse haben spannenden fächerverbindenden Unterricht damit auf die Beine gestellt. In sechs Stationen arbeiten die Schüler spannende Aufgaben ab, welche die Fächer, Geografie, Mathe, Physik, Informatik aber auch Deutsch, Englisch und Geschichte streifen.

Emely Schwez, Benno Schulz, Thomas Korol und Martha Teichert (v.l.) aus der 8a des Lessing-Gymnasiums Döbeln lernen mit Tabletcomputern und gehen dabei auf eine mathematische Schnitzeljagd durch Döbeln. Mit dem GPS des Tablets vermessen sie nicht nur den Schulhof, sondern gleich die ganze Erde. Foto: Sven Bartsch

Im Mittelpunkt steht das Globale Positionsbestimmungssystem (GPS). Die Schüler konnten etwa mit einem Maßband und dem GPS ihres Tablets den Schulhof vermessen. Anhand der Veränderung in Grad auf 30 Metern berechneten sie den Erdumfang. An sechs Stationen lernten die Achtklässler mit ihrem Tablet das Gradnetz kennen, berechneten Flächen, konnten den Schulhof und die Erde vermessen und sie gehen schließlich noch auf eine mathematische Schnitzeljagd durch Döbeln.
„Ein QR-Code an der Tür des Unterrichtszimmers muss zunächst gescannt werden. Dann zeigt das Tablet die Richtung an“, schildert Ursula Kührig. So laufen die Schüler verschiedene Stationen in Döbeln ab und müssen dort jeweils Aufgaben lösen, die zum nächsten Punkt führen. Ob Geschichtswissen, die Flächenberechnung eines Dreiecks im Rathausdach oder das Bestimmen des Inhaltes im Schwimmbecken des Stadtbades. Auch die Masseberechnung eines Messing-Stolpersteines zur Erinnerung an ermordete Döbelner Juden gehörte zu den Rechenaufgaben. „Dazu können die Schüler die Tafelwerk-App auf ihren Tablets verwenden“, so Ursula Kührig. Sie hofft, dass Tablets zügig Standard an Schulen werden. „Was machen Schüler am liebsten? Mit Handy oder Tablet spielen. Wir zeigen ihnen, dass damit noch viel mehr geht. Wir können sie mit Praxisnähe fürs Lernen begeistern“, schwärmt Ursula Kührig und hofft auch auf Begeisterung beim Schulträger.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
19.04.2016

Emely Schwez, Thomas Korol, Martha Teichert (v.l.) und Benno Schulz (u.) rechnen mit Tablet und Maßband. Ihre Daten bearbeiten und präsentieren sie in der Cloud. Foto: S. Bartsch