Dramatisierung
der Abdeckerszene
Abdecker: (erscheint mit dürren, wankenden Rappen auf dem Schlossplatz; sind an die Runge seines zweirädrigen Karrens gebunden; Karren wird von 2 gut genährten Pferden gezogen)
Bürger: (stehen dicht gedrängt zusammen; rufen sich unter Gelächter zu) Die Pferde, um
derenthalb der Staat wanke, sind schon an den Schinder gekommen.
Junker und Kämmerer betreten mit Rittern und Knechten im Gefolge den Schlossplatz; schauen
betreten den sich vergrößernden Menschenhaufen an
Junker: (geht um den Wagen und Rappen herum; mustert die Rappen; verlegen) Das sind die Pferde nicht, die ich dem Kohlhaas abgenommen.
Kämmerer: (wirft Junker kurzen, grimmigen, sprachlosen Blick zu; schlägt Mantel zurück und es werden Orden und Ketten sichtbar) Sind das die Rappen, die der Schäfer von Wilsdruf an sich gebracht, und der Junker Wenzel von Tronka, dem sie gehörten bei den Gerichten daselbst requiriert hat?
Abdecker: (tränkt wohlbeleibten Gaul der seinen Karren zieht) Die Schwarzen?
(Setzt den Eimer ab; streift dem Gaul das Gebiss aus dem Maul; antwortet mit empfindungslosen Eifer
seine Geschäfte betreibend) Die Rappen, die an die Runge gebunden sind, hat mir der Schweinehirte von Hainichen verkauft. Wo der sie her hat, und ob sie von dem Wilsdrufer
Schäfer kommen, dass weiß ich nicht. (Nimmt derweil Eimer wieder auf; stemmt ihn zwischen Deichsel und Knie) Mir hat der Gerichtsbote aus Wilsdruf gesagt, dass ich sie nach Dresden in das Haus derer von Tronka bringen solle; aber der Junker, an den ich gewiesen wurde, heißt Kunz.
(Dreht sich dabei um und schüttet den Rest des Wassers auf die Straße)
Kämmerer: (von ihn auslachenden Bürgern umringt) Ich bin der Kämmerer Kunz von Tronka. Die Rappen aber, die ich an mich bringen soll, gehören dem Junker, meinem Vetter. Bei der Gelegenheit des Brandes in der Tronkenburg sind sie entwichen und an den Schäfer von Wilsdruf gekommen, und ursprünglich sind es 2 dem Rosshändler
Kohlhaas zugehörige Pferde.
Abdecker: (steht mit gespreizten Beinen da; zieht seine Hosen hoch)
Kämmerer: (fragt den Abdecker) Weißt du nichts davon? Hat sie der Schweinehirte nicht vielleicht, auf welchen Umstand es ankommt, von dem Wilsdrufer Schäfer, oder von einem
Dritten, der sie seinerseits von demselben gekauft, erstanden?
Abdecker: (stellt sich an seinen Wagen und erleichtert sich; antwortet Kämmerer) Ich wurde mit den Rappen nach Dresden bestellt, um in dem Hause derer von Tronka mein Geld dafür zu empfangen. Was ihr da vorbringt, verstehe ich nicht; und ob sie, der Schweinehirte aus Hainichen, Peter oder Paul besessen hätte, oder der Schäfer aus Wilsdruf, gelte mir, da sie nicht gestohlen sind, gleich.
(nimmt seine Peitsche quer über seinen breiten Rücken und geht ab)
Kämmerer: (richtet sich an den Junker)
Junker, sprechen sie ein Wort!
Junker: (antwortet mit bleichen, bebenden Lippen) Das Ratsamste wäre, dass man die Rappen kaufe, sie möchten dem Kohlhaas gehören oder nicht.
Bürger: (betrachten den Kämmerer höhnisch; halten sich Schnupftücher vor den Mund um ihre zu einem Grinsen verzerrte Gesichter zu verbergen, die jeden Moment laut loslachen könnten)
Kämmerer: (tritt aus dem Volkshaufen zurück und schlägt dabei seinen Mantel zurück; ruft einem über die Straße reitenden Adligen zu) Freiherr von Wenk. Treten Sie bitte näher!
Freiherr: (tritt näher)
Kämmerer: (zu dem Freiherrn) Ich bitte Sie bei dem Großkanzler, Grafen Wrede, abzusteigen und durch Ihre Vermittlung den Kohlhaas zur Besichtigung der Rappen herbeizuschaffen.
Freiherr und Kohlhaas und 3 Landsknechte betreten den Schlossplatz.
Kämmerer: (trägt sein Schwert mit Stolz unter seinem Arm, wendet sich an Kohlhaas; zeigt auf die Rappen) Sind die Pferde, die hinter dem Wagen stehen, die Eurigen?
Kohlhaas: (wendet sich dem Kämmerer kurz zu; rückt seinen Hut; geht mit einigen Rittern im Gefolge zu den Rappen; bleibt in einiger Entfernung vor den Pferden stehen) Gnädigster Herr, der Abdecker hat ganz Recht. Die Pferde, die an seinen Karren gebunden sind,
gehören mir. (Sieht sich im Kreise der um ihn stehenden Herren um; rückt seinen Hut;
verlässt in Begleitung seiner Wache die Bühne)
Kämmerer: (geht einen Schritt auf den Abdecker zu; wirft ihm einen Geldsack zu)
Abdecker: (fängt den Beutel; hält ihn in der Hand, während er sich mit einem Bleikamm die Haare über die Stirn zurückkämmt; betrachtet das Geld)
Kämmerer: (einem Knecht zugewandt) Lös die Pferde ab und führe sie nach Haus!
Knecht: (tritt verlegen, mit rotem Kopf aus dem Kreis seiner Freunde; tritt über eine Mistpfütze zu den Pferden heran; erfasst ihre Halfter)
Meister Himboldt: (ergreift Knecht am Arm; schleudert ihn vom Wagen zurück; schimpft) Du rührst die Schindmähren nicht an!
(Tritt mit ungewissen Schritt über die Pfütze zurück zum Kämmerer)
Kämmerer: (ist über den Vorfall völlig sprachlos)
Meister Himboldt: (zum Kämmerer; schimpft)
Sie müssen sich schon einen Schinderknecht anschaffen, der ihnen einen solchen Dienst leistet.
Kämmerer: (vor Wut schäumend, betrachtet Meister Himboldt kurz; kehrt sich um; ruft über die Köpfe der ihn umgebenden Ritter) Wache! Wache!
Freiherr: (geht ab; kommt mit Offizier und kurfürstlichen Trabanten zurück)
Kämmerer: Die Bürger der Stadt erlaubten sich eine schändliche Aufhetzerei. So fordere ich sie auf, den Rädelsführer, Meister Himboldt, mit in Verhaft zu nehmen.
(fasst Meister bei der Brust; ihn anklagend) Du hast meinen Knecht, der die Rappen losbinden sollte, vom Karren hinweggeschleudert und misshandelt.
Meister Himboldt: (befreit sich durch eine geschickte Wendung vom Kämmerer, erklärt) Gnädigster Herr! Einem Burschen von 20 Jahren bedeuten, was er zu tun hat, heißt nicht, ihn verhetzen! Befragt ihn ob er sich gegen Herkommen und Schicklichkeit mit den Pferden die an die Karre gebunden sind, befassen will; will er es, nach dem, was ich gesagt,
tun, sei´s! Meinethalb mag er sie jetzt abludern und häuten!
Kämmerer: (wendet sich zum Knecht) Nimmst du irgendeinen Anstand, meinen Befehl zu erfüllen, und die Pferde, die dem Kohlhaas gehörten, loszubinden, und nach Hause zu führen?
Knecht: (mischt sich schüchtern unter die Bürger; antwortet) Die Pferde müssen erst ehrlich gemacht werden, bevor man mir das zumutet.
Kämmerer: (folgt Knecht von hinten; reißt ihm den mit seinen Hauszeichen geschmückten Hut ab; tritt Hut mit Füßen; jagt den Knecht mit wütenden Hieben mit seiner Klinge davon,
brüllt) Scher dich weg! Du bist nicht mehr in meinen Diensten!
Meister Himboldt: (ruft) Schmeißt den Mordwüterich doch gleich zu Boden!
Bürger: (treten mit empörten Gesichtsausdrücken zusammen; drängen die Wache hinweg)
Meister Himboldt: (wirft den Kämmerer von hinten nieder; reißt ihm Mantel, Kragen und Helm ab; schleudert die Sachen mit grimmigen Gesichtsausdruck quer über die Bühne)
Junker Wenzel: (rettet sich aus dem Tumult; ruft den Rittern zu)
So springt doch meinem Vetter bei!
Die Ritter werden gleich von dem Andrang der Bürger zerstreut.
Kämmerer: (hält sich durch seinen Fall entstandene blutende Kopfverletzung; ist von sich auf ihn stürzenden Bürgern umgeben)
Es erscheint ein Trupp berittener Landsknechte.
Offizier: (winkt dem Trupp zu, ruft)
Helft! Helft dem Kämmerer!
Landsknechte befreien den Kämmerer.
Offizier: (verjagt den Haufen; ergreift den wütenden Meister; übergibt ihn einigen
Reutern)
Meister Himboldt wird durch die Reuter von der Bühne gebracht.
Kämmerer: (wird von 2 Freunden vom Boden aufgehoben; ist blutverschmiert; wird von ihnen von der Bühne gebracht)
Abdecker bindet die Rappen an Laternenpfahl und verlässt den Platz mit seinem Karren; das
Volk zerstreut sich
Straßenjungen und Tagediebe verspotten die Pferde, indem sie ihnen zurufen und mit ihren
Fingern auf sie zeigen Polizei erscheint bei Einbruch der Nacht; kurz darauf der Abdecker von Dresden; schafft sie
fort.
Christina Gerth (zur Graphik)