Die Geschichte
des Michael Kohlhaas als Märchen
Es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, ein bärtiger Mann namens Michael Kohlhaas. Er
war ein frommer und rechtschaffender Rosshändler bürgerlicher Herkunft. Dieser gütige und stets hilfsbereite Mensch war ausgestattet mit einem Rechtsgefühl,
das einer Goldwaage glich, doch ihm sollte noch große Ungerechtigkeit widerfahren. Sein Leben verlief glücklich und zufrieden. Er hatte eine wunderbare Familie, einen Beruf mit dem er glücklich sein konnte und war ein allseits beliebter und willkommener Bürger seiner Gemeinde. Eines Tages machte er sich wie so oft, auf dem Weg ins Ausland, wo er hoffte einige gute Geschäfte verrichten zu können. Seine Reise verlief anfangs ohne größere Schwierigkeiten und Probleme, bis er jedoch das sächsische Gebiet erreichte, wo ihm ein scheinbar noch nie dagewesener Schlagbaum den weiteren Weg versperrte. Seine Augen erblickten eine stattliche
Ritterburg, welche es wohl an Pracht und Schönheit kein zweites Mal auf dieser Erde
gab. Zornig und aufgebracht rief der Rosshändler den Schlagwärter, in der Hoffnung, dies alles sei ein furchtbares Missverständnis. Doch es sollte sich noch herausstellen, dass dies alles andere als ein Missverständnis sein würde. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Schlagwärter erfuhr
er, dass dies die Burg vom Junker Wenzel von Tronka sei. Nachdem Kohlhaas einige Groschen für die Erlaubnis der Durchfahrt bezahlt hatte, erklang plötzlich eine zweite Stimme aus dem Fenster der Burg, welche ihn dazu aufforderte seinen Passschein zu zeigen. Völlig erstaunt und hilflos blickte Kohlhaas zum Fenster, wieder in der Hoffnung dies sei ein Missverständnis. Der Rosshändler hatte noch nie zuvor etwas von einem Passschein gehört und fühlte langsam, dass ihm die Menschen hier nichts Gutes wollten.
Nun erschien der Besitzer der Burg und begann zu verhandeln. Ohne diesen mysteriösen Passschein wollte der
Junker den Rosshändler nicht passieren lassen, welcher nun in seiner Verzweiflung keinen Ausweg mehr sah. Plötzlich jedoch geschah etwas
Unerwartetes, der Junker machte Kohlhaas folgendes Angebot. Er solle seine Pferde hier als Pfand zurücklassen und sich einen Pass aus der nächstliegenden Stadt verschaffen, dann würde er auch seine Pferde
wiederbekommen und passieren dürfen. Was blieb dem Rosshändler also anderes übrig als diesem Angebot Folge zu leisten. Damit seine Pferde aber auch die nötige Pflege und Versorgung bekommen konnten, entschloss sich Kohlhaas, seinen ihm
treu ergebenen Diener Herse hier als Aufsicht zurückzulassen. Nun machte er sich wieder auf den Weg, in der Hoffnung doch nun endlich diesen Pass in der nächsten Stadt erhalten zu können. In Dresden angekommen, erfährt Kohlhaas jedoch, dass auch
hier niemand etwas von einem Passschein weiß. Sofort nach dieser Nachricht, begab sich der Rosshändler wieder auf den Rückweg zur Tronkenburg, doch was ihn da erwartete, übertraf seine
kühnsten Vorstellungen. Sein Bediensteter war fort und seine jungen und kräftigen Pferds waren zu einem Bild des Jammers geworden. Als er die Frage stellte, was denn hier passiert wäre, wurden ihm nur klägliche Ausreden als Antwort gegeben. Die Pferde seien nur etwas auf dem Feld beschäftigt
worden und sein Diener sei aus Langeweile fortgegangen, hieß es vom Junker. Doch damit nicht genug, niemand wollte ihm auch nur die geringste Entschädigung für die
ruinierten Pferde zahlen. Wie so oft in dieser Zeit war wieder ein ahnungsloser und ehrliches Bürger durch die Willkür der Adligen ins Unglück gestürzt worden. Traurig und bestürzt über diese Tatsache trat Kohlhaas den Rückweg nach Hause an. Dort angekommenen, widerfährt ihm jedoch der zweite Schicksalsschlag. Seiner Diener Herse befand sich mit schwersten Verletzungen im Bett und rang um sein Leben. Nach der Frage, wie es denn dazu gekommen wäre, erklärte ihm seine Frau das, was sie von Herse zuvor erfahren hatte. Er sei vom Junker und seinen Leuten aufs brutalste zusammengeschlagen worden und deshalb von der Tronkenburg geflohen. Das war zu viel des Schlechten für Kohlhaas, in einer Wut gegen diese
Ungerechtigkeit wollte er von nun an nur noch eines, und zwar Rache an diesem Junker. Er entschloss sich vor Gericht zu ziehen, doch auch dort wurde ihm nicht geholfen. Nachdem ihm auch noch das Schicksal übel mitspielte und seine Frau an
einer schweren Krankheit starb, starb somit auch sein Rechtsgefühl und sein Vertrauen in die Rechtsordnung des
Staates. Vor Wut und Zorn schon fast verrückt geworden, sieht der einst so friedliche und gutherzige Rosshändler nur noch einen letzten Ausweg um sich sein Recht zu verschaffen, er will Sachsen, diesen Ort wo er nur Ungerechtigkeit, Hass und Niederlagen
erfahren hatte, zerstören. Auch die Versuche Luthers ihn wieder zur Vernunft zu bringen scheitern. Kohlhaas nimmt sogar die Gefahr in Kauf, aus der
Ständegesellschaft ausgestoßen zu werden, nur um seine Rache auszuüben. Dieser friedliche und angesehene Mensch verwandelte sich in einen Mörder, Räuber und Gesetzlosen, weil er selbst nie Recht erfahren hatte. Seine Vorstellungen von einem Staat, welcher sich für die Armen, Schwachen und Betrogenen einsetzte, war nie Realität geworden und so nahm die Geschichte ihren traurigen Verlauf. Kohlhaas setzte
Städte in Brand, verursachte Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. So geschah es, dass eines traurigen Tages ihm sein Leben durch den Staat beendet wurde und seine Schreckenszüge ein Ende nahmen. Doch man wird sich noch weiter an den Mann erinnern, welcher für Gerechtigkeit kämpfte und Ungerechtigkeit ausübte.
Christo Bardadov (zur
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