Dramatisierung der Szene Luther - Kohlhaas
Kohlhaas kehrt, unter einem fremden Namen, in ein Wirtshaus ein. Sobald die Nacht anbricht, tritt
er mit seinem Mantel und ein paar Pistolen zu Luther ins Zimmer.
(Luther sitzt an seinem Schreibtisch, Kohlhaas tritt ein und verriegelt hinter sich die Tür)
Luther:
Wer seid ihr ? Was wollt ihr ?
Kohlhaas:
( nimmt den Hut ab ) Ich bin Michael Kohlhaas, der Rosshändler.
Luther:
Weiche hinweg! ( steht vom Pult auf und hastet zur Klingel ) Dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!
Kohlhaas:
( zieht die Pistole ) Hochwürdiger Herr, diese Pistole, wenn ihr die Klingel rührt, streckt mich leblos zu euren Füßen
nieder ! Setzt euch und hört mich an; unter den Engeln, deren Psalmen ihr aufschreibt, seid ihr nicht sicherer, als bei mir.
Luther:
( setzt sich nieder ) Was willst du?
Kohlhaas:
Eure Meinung von mir, dass ich ein ungerechter Mann sei, widerlegen
! Ihr habt mir in eurem Plakat gesagt, dass meine Obrigkeit von meiner Sache nichts weiß: wohlan, verschafft mir freies Geleit, so gehe ich nach Dresden, und lege sie ihr vor.
Luther:
Heilloser und entsetzlicher Mann ! Wer gab dir das Recht, den Junker von Tronka, in Verfolg eigenmächtiger
Rechtsschlüsse, zu überfallen, und da du ihn auf seiner Burg nicht fandest, mit Feuer und Schwert die ganze Gemeinschaft heimzusuchen, die ihn
beschirmt ?
Kohlhaas:
Hochwürdiger Herr, niemand, fortan ! Eine Nachricht, die ich aus Dresden erhielt, hat mich getäuscht, mich
verführt ! Den Krieg, den ich mit der Gemeinschaft der Menschen führe, ist eine Missetat, sobald ich aus ihr nicht, wie ihr mir die Versicherung gegeben habt, verstoßen war!
Luther:
Verstoßen ! Welch eine Raserei der Gedanken ergriff dich? Wer hätte dich aus der Gemeinschaft des Staates, in welchem du lebtest,
verstoßen ? Ja, wo ist, solange Staaten bestehen, ein Fall, dass jemand, wer es auch sei, daraus verstoßen worden wäre?
Kohlhaas:
Verstoßen, ( drückt die Hand zusammen ) nenne ich den, dem der Schutz des Gesetzes versagt
ist ! Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines friedlichen Gewerbes, bedarf ich: ja, er ist es, dessen halb ich mich, mit dem Kreis dessen, was ich erworben, in diese Gemeinschaft flüchte; und wer mir ihn versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde hinaus; er gibt mir, wie wollt ihr das leugnen, die Keule, die mich selbst schützt, in die Hand.
Luther:
Wer hat dir den Schutz des Gesetzes versagt ? Schreib ich dir nicht, dass die Klage, die du eingereicht, dem Landesherren, dem du sie eingereicht, fremd ist? Wenn Staatsdiener hinter seinem Rücken Prozesse unterschlagen, oder sonst seines geheiligten Namens, in seiner
Unwissenheit, spotten; wer anders als Gott darf ihn wegen der Wahl solcher Diener zur Rechenschaft ziehen, und bist du, gottverdammter und entsetzlicher Mensch, befugt, ihn deshalb zu richten?
Kohlhaas:
Wohlan, wenn mich der Landesherr nicht verstößt, so kehre ich auch wieder in die Gemeinschaft, die er beschirmt, zurück. Verschafft mir, ich wiederhol es, freies Geleit nach Dresden: so lasse ich den Haufen, den ich im
Schloss zu Lützen versammelt, auseinander gehen, und bringe die Klage, mit der ich abgewiesen worden bin, noch einmal bei dem Tribunal des Landes vor.
Luther:
( wirft die Papiere, von seinem Schreibtisch, mit verdrießlichem Gesicht, übereinander ) Was verlangt ihr von dem Tribunal zu Dresden?
Kohlhaas:
Bestrafung des Junkers, den Gesetzen gemäß; Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand; und Ersatz des Schadens, den ich, sowohl als mein bei Mülberg gefallener Knecht Herse, durch die Gewalttat, die man an uns verübte, erlitten.
Luther:
Ersatz des Schadens! Summen zu Tausenden, bei Juden und Christen, auf Wechseln und Pfändern, hast du, zur Bestreitung deiner wilden Selbstrache, aufgenommen. Wirst du den Wert auch, auf der Rechnung, wenn es zur Nachfrage kommt,
aufsetzen ?
Kohlhaas:
Gott beschütze! - Haus und Hof, und den Wohlstand, den ich besessen, fordere ich nicht zurück; so wenig als die Kosten des Begräbnisses meiner
Frau, Herses alte Mutter wird eine Berechnung der Heilkosten, und eine Spezifikation dessen, was ihr Sohn in der Tronkenburg eingebüßt, beibringen; und den Schaden; den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen erlitten, mag die Regierung durch einen Sachverständigen abschätzen lassen.
Luther:
Rasender, unbegreiflicher und entsetzlicher Mensch ! Nachdem dein Schwert sich an dem Junker Rache, die grimmigste genommen, die sich erdenken lässt: Was treibt dich, auf ein Erkenntnis gegen ihn zu bestehen, dessen Schärfe, wenn es zuletzt fällt, ihn mit einem Gewicht von so geringer Erheblichkeit nur
trifft ?
Kohlhaas:
( ihm rollt eine Träne über die Wange ) Hochwürdiger Herr! Es hat mich meiner Frau gekostet; ich will der Welt zeigen, dass sie in keinem ungerechtem Handel umgekommen ist. Fügt euch in diesen Stücken meinem Willen, und lasset den Gerichtshof sprechen; in allem anderen, was sonst noch streitig sein mag, füge ich mich euch.
Luther:
Schau her, was du forderst, wenn anders die Umstände so sind, wie die öffentliche Stimme hören lässt, ist gerecht; und hättest du den Streit, bevor du eigenmächtig zur Selbstrache geschritten, zu des Landesherrn Entscheidung zu bringen gewusst, so wäre dir deine Forderung, zweifle ich nicht, Punkt vor Punkt bewilligt worden. Doch hättest du nicht alles wohl erwogen, besser getan, du hättest, um deines Erlösers willen, dem Junker vergeben, die Rappen, dürre und abgehärmt, wie sie waren, bei der Hand genommen, dich aufgesetzt, und zur Dickfütterung in deinem Stall nach Kohlhaasenbrück heimgeritten?
Kohlhaas:
Kann sein! ( tritt ans Fenster ) Kann sein, auch nicht ! Hätte ich
gewusst, dass ich sie mit dem Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau würde auf die Beine bringen müssen: Kann sein, ich hätte getan, wie ihr gesagt, hochwürdiger Herr, und einem Scheffel Hafer nicht
gescheut ! Doch, weil sie mir einmal so teuer zu stehen gekommen sind, so habe es denn, meine ich, seinen
Lauf: Lasst die Erkenntnis, wie es mir zukommt, sprechen, und den Junker mir die Rappen auffüttern.
Luther:
( greift in Gedanken nach seinen Papieren ) Ich will mit dem Kurfürsten deinethalben in Unterhaltung treten. Inzwischen möchtest du dich, auf dem Schlosse zu Lützen, still halten; wenn der Herr dir freies Geleit bewilligt, so wird man es dir auf dem Wege öffentlicher Anplackung bekannt machen.
( Kohlhaas beugt sich herab um Luther die Hand zu küssen ) Zwar, weiß ich nicht, ob der Kurfürst Gnade vor Recht ergehen lassen wird; denn einen Heerhaufen, vernehm ich, zog er zusammen, und steht im Begriff, dich im Schlosse zu Lützen aufzuheben:
Inzwischen, wie ich dir schon gesagt habe, an meinen Bemühen soll es nicht liegen.
(steht auf und macht Anstalten Kohlhaas zu entlassen )
Kohlhaas:
Ihre Fürsprache, über diesem Punkt, beruhigt mich vollkommen. ( Luther grüßt ihn mit der Hand. Kohlhaas senkt plötzlich ein Knie vor ihm ) Ich habe noch eine Bitte auf dem Herzen: zu Pfingsten, wo ich an den Tisch des Herrn zu gehen pflege, habe ich die Kirche, dieser meiner kriegerischen Unternehmungen wegen, versäumt; könnten sie bitte die Gewogenheit haben, ohne weitere Vorbereitung, meine Beichte zu empfangen, und mir, zur Auswechslung dagegen, die Wohltat des heiligen Sakraments zu
erteilen ?
Luther:
( sieht ihn scharf an ) Ja, Kohlhaas, das will ich tun ! Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind.
( Kohlhaas sieht ihn betreten an ) - Willst du, dem Junker, der dich beleidigt hat, gleichfalls vergeben: nach der Tronkenburg gehen, dich auf deine Rappen setzen, und sie zu Dickfütterung nach Kohlhaasenbrück
heimreiten ?
Kohlhaas:
( ergreift errötend die Hand Luthers ) Hochwürdiger Herr.
Luther:
Nun ?
Kohlhaas:
Der Herr auch vergab allen seinen Feinden nicht. Lasst mich dem Kurfürsten, meinen beiden Herren, dem Schlossvogt und Verwalter, Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekränkt haben mag, vergeben: den Junker aber, wenn es sein kann nötigen, dass er mir die Rappen wieder dickfüttere.
( Luther kehrt Kohlhaas mit missvergnügtem Blick den Rücken zu und zieht die Klingel,
Kohlhaas steht betreten, sich die Augen trocknend, vom Boden auf )
( Durch die Klingel herbeigerufen, versucht der Famulus, durch den Riegel vergebens, die
Tür zu öffnen. Kohlhaas öffnet die Tür. )
( Luther setzt sich wieder an seine Papiere. )
Luther:
( zum Famulus ) Leuchte ! ( Famulus nimmt etwas befremdet den Haustürschlüssel von der Wand und begibt sich zurück unter die halb geöffnete Tür. )
Kohlhaas:
( nimmt den Hut zwischen beide Hände ) Und so kann ich, hochwürdigster Herr, der Wohltat versöhnt zu werden, die ich mir von euch erbat, nicht teilhaftig werden?
Luther:
Deinem Heilland, nein; dem Landesherrn, - das bleibt einen Versuch, wie ich dir versprach,
vorbehalten ! ( Winkt dem Famulus, das Geschäft, was er ihm aufgetragen, ohne weiteren Aufschub, abzumachen. )
( Kohlhaas folgt dem Famulus und geht ab. )
Julia Bäger (zur Graphik)