Dramatisierung der Abdeckerszene

Spielende Personen:
Kohlhaas, Abdecker von Döbbeln, Junker Wenzel, Freiherr von Wenk, Kämmerer, Großkanzler, Meister Himboldt, Offizier, Polizist, Knechte, Soldaten, gemeines Volk, 2 schwarze, 1 braunes und 15 gemischte Pferde

Schauplätze:
Dresdner Marktplatz, Gemach des Großkanzlers


(Auf dem Marktplatz herrscht reges Treiben. Männer, Frauen und Kinder preisen ihre Waren an. Der Döbbelner Abdecker fährt mit seinem zweirädrigen Karren langsam auf den Platz. Das Volk schart sich um ihn und seinen Wagen.)
1.Mann: Was für hässliche Tiere.
2.Mann: Die bringen bestimmt die Pest, so wie die aussehen.
1.Kind: Solche dürren Mähren hab' ich ja noch nie gesehen, Mama.
1.Frau: Das sollen die Pferde vom Kohlhaas sein? Und wegen diesen Viechern hat man so einen Aufstand gemacht? Ich wäre froh, wenn ich die Dinger los wäre. Fressen eh zu viel, diese Mähren.
3.Mann: Man sagt, der Junker von Tronka ist dafür verantwortlich.
2.Kind: Die armen Pferde, wie kann der von Tronka nur so gemein sein?
2.Frau: Ach was. Die Viecher wurden vom Teufel selbst geritten, deshalb sehen die so scheintot aus.
(Unbemerkt mischen sich der Junker von Tronka, der Kämmerer und ein paar Ritter und Knechte unter die Leute.)
Junker: (macht eine Runde um den Wagen, räuspert sich) Das sind nicht die Pferde, die ich dem Kohlhaas abgenommen habe.
Kämmerer: (hervortretend, den Mantel zurückschlagend- Orden und Kette werden sichtbar) Sind das die Rappen, die der Schäfer von Wilsdruf an sich gebracht hat und welche der Junker Wenzel von Tronka, dem sie gehören, bei den Gerichten daselbst requiriert hatte?
Abdecker: (sein wohlbeleibtes Pferd tränkend) Die Schwarzen? (setzt den Eimer ab, nimmt dem Rappen das Geschirr aus dem Maul) Die Rappen, die an die Runge gebunden sind, hat mir der Schweinehirt von Hainichen verkauft. Wo der sie herhat, ob vom Wilsdrufer Schäfer oder aus der Zucht, weiß ich nicht. Mir hat der Gerichtsbote aus Wilsdruf bloß gesagt, dass ich sie nach Dresden in das Haus derer von Tronka bringen soll. Der Junker an den sie gewiesen sind, heißt Kunz. (nimmt den Eimer wieder auf und schüttet das restliche Wasser vor die Füße des Kämmerers)
Kämmerer: (vom Volk mit scharfen Blicken verfolgt) Ich bin der Kämmerer, Kunz von Tronka; die Rappen aber, die ich an mich bringen soll, müssen dem Junker, meinem Vettern, gehören. Ein Knecht hatte sie, während des Brandes auf der Tronkenburg, an den Schäfer zu Wilsdruf gegeben und ursprünglich sind es ja 2 dem Rosshändler Kohlhaas zugehörige Tiere.
(der Abdecker erleichtert sich an seinem Karren unter dem Gelächter des Volkes)
Kämmerer: Wissen sie denn nichts davon? Oder hat der Schweinehirt vielleicht, unter welchen Umständen auch immer, von dem Wilsdrufer Schäfer oder vielleicht einem Dritten, der sie seinerseits von demselben gekauft, erzählt?
Abdecker: (zieht die Hose hoch) Ich bin mit den Rappen nach Dresden bestellt, um in dem Haus derer von Tronka mein Geld dafür zu kriegen. Was sie da vorbringen, verstehe ich nicht und ob die Rappen, vor dem Schweinehirten aus Hainichen, Peter oder Paul besessen haben, oder der Schäfer aus Wilsdruf, gilt mir, da sie nicht gestohlen sind, gleich. (wirft sich die Peitsche über den Rücken, geht Richtung Taverne) Wünsche noch einen angenehmen Tag meine Herren. (zu sich) Ich geh' jetzt frühstücken, dass hab' ich mir redlich verdient.
(Abdecker ab)
Kämmerer: (flüsternd) Junker, so sprecht jetzt ein Machtwort.
Junker: (zum Kämmerer gewandt) Das Ratsamste ist wohl, die Rappen zu kaufen, ob sie dem Kohlhaas gehören oder nicht.
(Kämmerer verlässt die Volksmasse, schlägt erneut Mantel zurück, Mutter und Vater verfluchend; Freiherr von Wenk reitet ein)
Kämmerer: (an den Freiherrn gerichtet) Ich bitte euch bei dem Großkanzler, Graf Wrede, abzusteigen und durch dessen Vermittlung den Kohlhaas zur Besichtigung der Rappen herbei zu schaffen.

( Kohlhaas und Graf Wrede arbeiten gemeinsam am Tisch; Freiherr von Wenzel tritt ein; der Großkanzler erhebt sich mürrisch aus seinem Sessel)

Freiherr: (steht bei dem Großkanzler) Der Abdecker von Döbbeln ist, auf mangelhafte Requisition der Wilsdrufer Gerichte, mit Pferden erschienen, deren Zustand so heillos beschaffen ist, dass der Junker Wenzel anstehen müsse, um sie für den Kohlhaas gehörigen anzuerkennen; dergestalt, dass, falls man sie gleichwohl dem Abdecker abnehmen solle, um in den Ställen der Ritter, zu ihrer Wiederherstellung, einen Versuch zu machen, vorher eine Okular- Inspektion des Kohlhaas, um den besagten Umstand außer Zweifel zu setzen, notwendig ist. Habt demnach die Güte den Rosshändler durch eine Wache aus seinem Hause abzuholen, und auf den Markt, wo die Pferde stehen, hinführen zu lassen.
Großkanzler: (nimmt seine Brille ab) Sie stehen in einem doppeltem Irrtum, mein Bester. Einmal, wenn sie glauben, dass der in ihrer Rede stehende Umstand nicht anders, als durch eine Okular-Inspektion des Kohlhaas aus zu mitteln ist; und dann, wenn sie sich einbilden, sie, der Kanzler, seien befugt, den Kohlhaas durch eine Wache, wohin es dem Junker beliebe, abführen zu lassen. (geht zur Seite) Und außerdem können sie ihre Belange auch gleich dem Herrn Kohlhaas, zu meiner Linken, persönlich vorbringen. (setzt sich wieder und setzt die Brille wieder auf)
Kohlhaas: (ohne eine Miene zu verziehen) Ich bin bereit, ihnen zur Besichtigung der Rappen, die der Abdecker in die Stadt gebracht hat, auf den Markt zu folgen. (tritt an den Tisch des Großkanzlers heran, gibt ihm aus der Tasche ein paar Briefe und Dokumente) Ich werde mir für eine geraume Zeit Urlaub nehmen, Herr Wrede.
Freiherr: (rot angelaufen; am Fenster stehend) Darf ich mich ebenfalls empfehlen, Herr Großkanzler. (verbeugt sich kurz; beide ab)

(der Freiherr, Kohlhaas und drei Landsknechte betreten den Marktplatz; um den Karren steht noch immer eine Menschenmasse)

Kämmerer: (umringt von feineren Leuten; das Schwert unter dem Arm; zu Kohlhaas) Sind die Pferde hinter dem Karren die eurigen, oder nicht?
Kohlhaas: (tritt, mit Rittern im Gefolge, an den Karren heran, die Leute tuscheln heftig; sieht die Pferde flüchtig an; bleibt stehen) Gnädiger Herr! (zum Kämmerer) Der Abdecker hat ganz Recht; die Pferde, die an diesen Karren gebunden sind, gehören mir! (sieht sich um, schiebt Hut zurecht; verlässt den Platz mit den Wachen)
Kämmerer: (tritt an den Abdecker heran und wirft ihm einem Beutel Geld zu) Da nimm!
(der Abdecker betrachtet das Geld, während er sich die Haare mit einem Bleikamm kämmt)
Kämmerer: He Knecht! Lös die Pferde ab und führe sie nach Hause!
(der Knecht geht zu den Pferden, wird aber von Meister Himboldt daran gehindert)
Himboldt: Du rührst die Schindmähren nicht an! (schleudert den Knecht vom Wagen weg; zum entsetzten Kämmerer gewandt) Da müssen sie sich schon einen Schinderkecht anschaffen, um solch einen Dienst zu leisten.
Kämmerer: (wütend, über alle Köpfe hinweg) Wachen! Wachen! Verhaftet diesen Rädelsführer! (fast Himboldt bei der Brust) Er hat meinen, die Rappen auf einen Befehl losbindenden Knecht von dem Karren hinweggeschleudert.
Himboldt: (nachdem er sich wieder befreit hat) Gnädiger Herr! Einem Burschen von 20 Jahren bedeuten, was er zu tun hat, heißt nicht, ihn zu verhetzen! Befragt ihn, ob er sich gegen Herkommen und Schicklichkeit mit den Pferden, die an die Karre gebunden sind, befassen will; will er es, nach dem, was ich gesagt, tun: sei's! Meinethalb mag er sie jetzt abludern und häuten! 
Kämmerer: (zum Knecht) Nimmst du nun Anstand, meinen Befehl zu erfüllen, und die Pferde, die dem Kohlhaas gehörten, loszubinden, und nach Hause zu führen?
Knecht: (im Volk sich versteckend) Die Pferde müssen erst ehrlich gemacht werden, bevor man mir das zumutet.
(Kämmerer reißt Knecht aus der Menge; zieht das Schwert und jagt ihn vom Platz; Knecht ab)
Kämmerer: Scher dich zum Teufel! Ich will dich nie wieder in meiner Nähe sehen.
Himboldt: (aufgebracht) Schmeißt den Mordwüterich doch gleich zu Boden!
(die Leute treten zusammen und drängen Soldaten weg; Himboldt wirft den Kämmerer von hinten zu Boden, reißt ihm im Gerangel Mantel, Kragen und Helm ab; ringt ihm das Schwert aus der Hand und wirft es über den Platz)
Junker: (aus dem Tumult gerettet, an die Ritter gewandt) He, helft gefälligst meinem Vettern, ihr Feiglinge!
(Kämmerer- mit Kopfwunde- wird vom Volk umzingelt; ein Trupp Landsknechte tritt auf)
Offizier: He Landsknechte! Helft dem Vettern des Junkers von Tronka, schnell! (ergreift Himboldt und bringt ihn ins Gefängnis; Kämmerer- schwer verletzt- wird von 2 Soldaten weggeschafft; Himboldt, Kämmerer, Junker, Ritter, Soldaten und Landsknechte ab)
(Abdecker kommt aus der Taverne zurück, bindet die beiden Pferde an eine Laterne; das Volk geht wieder der gewohnten Arbeit nach; Abdecker und Leute ab)
Polizist: (tritt mit dem Abdecker auf) Sie kennen sich doch mit solchen Viechern aus, oder?
Abdecker: Natürlich, damit verdiene ich doch mein Geld.
Polizist: Gut, Herr Abdecker, denn hiermit fordere ich sie auf, sich um diese Mähren zu kümmern und sie vor jeglichem Spott zu bewahren.
Abdecker: Hä? Was soll ich? Nee du, die Tierchen gehen mich nichts mehr an. Ich sollte sie herbringen und das habe ich getan. Mein Job ist erledigt und basta. Ich spiel doch nicht für Beamtenböcke den sozial Veranlagten.
Polizist: Na gut, sie haben die Wahl: entweder sie kümmern sich jetzt um die da (deutet auf die Pferde) ,oder sie wandern wegen Beamtenbeleidigung in den Knast.( Polizist geht ab)
Abdecker: (die Pferde hinter sich her ziehend) Ach nun kommt schon ihr lahmen Enten. Warum soll ich das eigentlich machen, mh? Sag mir das einer. Eigentlich müsste sich ja der werte Junker um euch kümmern, aber der ist sich wohl zu fein dafür. Aber hierfür kann der morgen noch mal ordentlich zahlen, dass schwör ich. Na los, nun bewegt mal eure lahmen Hintern und Hufe. (Abdecker und Pferde ab)

Rebecca Dittmann (zur Graphik)

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