1. Variante

Innerer Monolog Lukas Domciks

70 000 Euro! Ich kann es immer noch nicht fassen. So eine exorbitant hohe Summe habe ich nicht einmal in meinen Träumen erhalten. Und an die 3 000 Euro „Vorschuss“ möchte ich da gar nicht erst denken... Diese verlogene Schlampe!
Was soll ich nur tun? Es muss doch eine Möglichkeit geben, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich habe schließlich Tante Theas Koffer, da wird sich doch was machen lassen. Wie sollte ich sonst so schnell an alle Bilder kommen, wenn sie nicht von mir sind? Ich habe doch alles, woran ein Unbeteiligter niemals gelangen könnte. Die Fotos, das Exposé, das Manuskript, die E-Mails und natürlich den Vertragsentwurf. Der ultimative Beweis, finde ich jedenfalls. Auch wenn Becker der Meinung ist, dass damit juristisch nichts anzufangen ist... Ich muss dringend noch einmal mit ihm sprechen, irgendetwas muss ich doch tun können.
Diese verdammte Hilflosigkeit.
Ich weiß ja jetzt, was mir eine direkte Konfrontation einbringt. Nur Minuspunkte. Und höchst peinlich Auftritte.
So eine falsche Schlange! Die kann aber auch jeden um den Finger wickeln. Bei mir hat sie es ja auch geschafft. Diese Augen... und den perfekten Gesichtsausdruck hat sie ja auch drauf. Kein Wunder, dass ihr alle Menschen verfallen. Und wenn dann noch so ein böser Mann wie ich kommt und sie versucht, sie zu bedrohen, dann können Leute wie Ralf Scholz natürlich nicht anders. Sie müssen die arme, ängstliche und verwirrte Rachel beschützen. Sie ist die Schöne und mir wird hier offensichtlich die Rolle des Biestes aufgedrängt. Da kann ich tausendmal erzählen, dass sie eine fiese Betrügerin ist. Sie doch nicht! Die liebe, gute mit dem bewegenden familiären Hintergrund und dem „preisgekrönten Epos“. Wie war das? Der Leipziger Buchpreis für europäischen Verständigung und die Ehrenplakette des Bunds der Vertriebenen? Und mit dem BuchMarkt-Award staubt der Verlag ja auch gleich noch ordentlich ab. Das nenne ich mal göttliche Fügung. Herzlichen Glückwunsch!
Wenn sie nur alle wüssten! Wenn die Leute wüssten, wem sie den Lesegenuss zu verdanken haben. Das war nämlich nicht die Hübsche mit den Rehaugen. Nein, das war dieser mittelmäßige Schriftsteller, wie hieß er noch gleich...
Alle müssen von dem Betrug erfahren. Die ganze Welt da draußen soll das wissen. Es macht mich so rasend, dass sie die ganze Aufmerksamkeit bekommt, während ich nicht einmal meinen finanziellen Anteil erhalte. Damit, dass niemand weiß, dass das Buch von mir ist, könnte ich gut leben. Aber dass mir das ganze Geld vorenthalten wird, macht mich krank. Stinkreich wäre ich trotzdem geworden. Endlich hätte ich Anne zufrieden stellen können. Ich bin sicher, sie hat es satt an der Seite eines armen, erfolglosen Schriftsteller zu leben. Und die Kinder können mich auch wieder nach Lust und Laune ausnehmen, so wie ihnen das scheinbar Spaß zu machen scheint. Und ich hätte vielleicht sogar soviel Geld, dass zum Schluss noch ein bisschen für mich übrig geblieben wäre.
Da ich nun aber nichts habe, bleibt alles beim Alten.
Vielleicht sehe ich Rachel ja mal wieder. Allein. Ich glaube nicht, dass ich etwas erreichen kann, wenn ich mit ihr rede. Ich würde es trotzdem gerne tun. Mich interessiert, wie sie sich mir gegenüber fühlt. Ob sie ein schlechtes Gewissen hat?
Ich muss versuchen, darüber hinweg zu kommen. Lesen werde ich das Buch jedenfalls nicht noch einmal.

Rebecca G.