Der letzte Brief, den Joseph Roth schrieb
Lieber Stefan Zweig,
Nun wandle ich schon seit 45 Jahren auf dieser wunderbaren und gleichzeitig doch so trostlosen Erde. Mit gutem Gewissen kann ich auf eine über zwanzigjährige Schriftstellerkarriere zurückblicken, die ich mehr oder weniger gut gelebt habe.
Mein Interesse für Literatur entwickelte sich schon in frühester Kindheit. Bereits im zarten Alter von zwölf Jahren beeindruckten mich Autoren wie Lessing, Schiller, Goethe, aber auch Hesse sehr. Da es mir leider versagt blieb, einen Vater zu haben, mussten meine Mutter und ich einen Umzug nach Wien allein schaffen. Obwohl mich Wien sehr beeindruckte, trauerte ich dem kleinen Schtetl Brody nach. Diese Trauer verarbeitete ich in Romanen wie „Hiob" oder im Essay Juden auf Wanderschaft". Ich versuchte dem Leser nicht nur die Welt der ostgalizischen Schtetl näher zu bringen, indem ich so authentisch wie möglich arbeitete, sondern ich versuchte auch die Vergangenheit in mir zum Leben zu erwecken.
Seit der Kindheit lebte ich wie zwischen zwei Welten. Der Welt der großen Denker der europäischen Aufklärung und der der orthodoxen Ostjuden. Ich bin ein sehr aufgeklärter Mensch, dennoch halte ich an meiner Religion fest. Schon damals fand ich :" Das niemand über die Welt regierte, (dies) war mir offenbar. Das auch Jemand meine eigenen Wege überwachte, fühlte ich. Ich betete oft und meine Gebete waren sehr kurz. (...) Der, zu dem ich betete, half immer, er strafte niemals. (...) Ich fürchtete ihn nicht. Ich vertraute ihm. Wenn mir Schlimmes widerfuhr, war mir' s keine Strafe, sondern eine noch verborgene, maskierte Gnade."
Ich finde, Gott ist ein unerlässlicher Bestandteil der menschlichen Gesellschaft.
Mir ging es um die soziale Frage, ebenso um soziale Gerechtigkeit und um Menschlichkeit. Dies versuchte ich auch in meinen Werken zu verdeutlichen, wie im Roman „Das Spinnennetz".
Um noch einmal auf meine Lieblingsstadt Wien zurückzukommen. Mir gefiel es da sehr. Auch mein Studium machte mir Freude. Die eherne Geschichte der Habsburgermonarchie hatte mich zu dieser Zeit gewaltig beeindruckt. Erst später erkannte ich, dass sie durch ihre Doppelmoral und Scheinheiligkeit zum Untergang verurteilt war. Dennoch begriff ich mich als Chronist dieser Zeit. Das zeigte ich deutlich in Werken wie dem "Radetzkymarsch". Wien liebte ich, hier erschient auch mein erstes Gedicht „Welträtsel". Dennoch zog es mich irgendwann nach Berlin, eine wunderbare Stadt, die ich abwechselnd liebte und haßt. Nach meinem Kriegsdienst, den ich bis heute noch nicht verkraftet habe, trank ich übermäßig viel Alkohol. Als gutverdienender Schriftsteller konnte ich mir dies leisten. Doch dann, ach ich weiß es noch wie heute, lernte ich 1919 im Frühjahr meine Friedl kennen. Sie schaffte es fast, mich vom Alkohol wegzubringen. Auf alle Fälle trank ich in dieser Zeit weniger. Ach hatten wir eine glückliche Zeit! Leider dauerte mein Glück mit Friederike Reichler nach unserer Heirat nur noch sechs Jahre, da sie an Schizophrenie erkrankte.
Ich begann wieder zu trinken und stürzte mich trotz des Schicksalsschlages in die Arbeit. Ich werde sie nie vergessen können.
Durch das von mir verhasste Naziregime wurde ich 1933 gezwungen, auszureisen. Was ich immer wieder gern betone, ich ahnte ich schon 1923 die Grausamkeit, die auf die Menschen zukam. Das belegt auch mein Roman „Das Spinnennetz". Im Exil in Paris lernte ich Hermann Kesten kennen, der mir nicht nur Herausgeber und Kollege, nein auch ein guter Freund war.
Durch mein Schreiben wollte ich doch immer nur Gutes bewirken. Mein Ziel war es, den Menschen die Augen für ihre Religion oder die der anderen zu öffnen. Dabei kam es mir aufs Detail und eine verständliche Ausdrucksweise an. Bevorzugte Themen von mir waren: der Prozess der Modernisierung, die gesellschaftlichen Verwerfungen und das Leben der Ostjuden. Mit meinen Werken wollte ich die Leute zum Denken anregen und den Reichen auch mal das wirkliche Elend näher bringen. Ich habe nie über die falschen Sorgen der Wohlhabenden nachgedacht, die „ringsum an kleinen Tischen sitzen, in runde Kampfgruppen getrennt, die ganze Einheitsfront des westlichen Bürgertums, löffelbewehrt und siegreich im Krieg gegen Schokoladeneis, das auf dem schlüpfrigen Schlachtfeld aus Porzellan strategische Rückzüge vollführt." Lieber beschäftigte ich mich mit den Problemen und Sorgen der einfachen Menschen.
Ich liebe es zu schreiben. Am Anfang meines Schaffens war ich zeitweise durchaus vermögend, doch jetzt sieht es trotz vieler Veröffentlichungen nicht so gut aus. Ich kann mich dem Alkohol nicht mehr aus eigener Kraft entziehen und spüre, dass er mich ruiniert. Wenn ich mich mit einem Satz beschreiben müsste, würde ich diesen wählen: "DAS BIN ICH WIRKLICH; BÖSE; BESOFFEN; ABER GESCHEIT!"
PS: In tiefster Ehrfurcht verbeuge ich mich vor meinen wahren Freunden, die mir immer zur Seite standen. Lasst euch von der Übermacht der Bösen nicht entmutigen!
Hochachtungsvoll
I
Ihr J. Roth
(1939 Paris Armeehospital)