Innerer Monolog Mendel Singer
Er nahm sich noch einmal das Bild vor. Da war seine Schwiegertochter, Menuchims Frau, da waren die Enkel, Menuchims Kinder. Betrachtete er das Bild genauer, glaubte er, ein Kinderbild Deborahs zu sehen. Mendel Singer legte sich auf das Sofa , schloss die Augen und dachte über sein Leben nach.
"Alt bin ich geworden. Aber ich habe das Wunder erlebt. Menuchim ist gesund und er ist bei mir. Doch wie lang war der Weg dahin! Damals in Zuchnow habe ich als Lehrer gearbeitet. Ja, mein Einkommen war bescheiden. Aber ich war Gott dankbar für das Wenige, was wir hatten. Nur Deborah, meine Frau, war unzufrieden. Wie oft hat sie mir vorgeworfen, dass wir in einfachen Verhältnissen leben und ich mich damit abfinde. Nicht nur in Zuchnow, auch in Amerika. Ich habe das Geschick ohne Klagen ertragen. Wie viele vor mir haben so gelebt und unterrichtet wie ich! Ich habe nichts gesagt, aber Deborah verletzte mich tief, wenn sie meinen Beruf tadelte. Warum musste sie nach den Wohlhabenden schielen? Konnte sie nicht mit Gottes Gaben zufrieden sein! Dann wurde Menuchim krank geboren. Ich wusste, dass er die Harmonie und den Frieden der Gemeinschaft zu stören begann. Doch Gott wollte es so! Eine kostenlose Behandlung wurde uns damals angeboten, aber ich habe abgelehnt. Für mich war Menuchims Krankheit Gottes Wille und ich konnte seine Seele nicht für eine kostenlose Heilung verkaufen. Nur Fasten und Gebete konnten ihn gesund machen. Ich hatte Angst, dass Menuchim unter russischen Kindern aufwachsen könnte, fern von den heiligen jüdischen Worten. Es war meine tiefste innere Überzeugung, dass man nur zu Hause bei seiner Familie und seinem Volk gesund werden kann. Da wollte ich schon lieber fasten, als ihn weggeben. An Wunder habe ich nicht geglaubt, aber an Gottes Willen. So hat mich auch die Prophezeiung des Rabbi, den Deborah aufgesucht hat, in Rage gebracht. Menuchim sollte weise, gütig, mild und stark werden und Außergewöhnliches erreichen und tun. Aber was tat ich? Ich schlug Jonas und Schemarjah mit dem Hosengurt. Ich konnte nicht verstehen, dass Deborahs Vertrauen in den Rabbi größer war als ihr Vertrauen in Gott. Meine anderen Söhne mussten dafür unschuldig leiden. Deborah hat gut daran getan, an die Prophezeiung zu glauben und ich habe ihr mit meinem Zweifel all die Jahre Unrecht getan.
Neben dem Unglück mit Menuchim kamen die Sorgen um Jonas und Schemarjah. Beide wurden zum Militär einberufen. Beängstigende und schreckliche Vorstellungen bewegten mich. Ich war besorgt und sah meine Söhne Schweinefleisch essen und wie sie von den Offizieren geschlagen wurden. Ich empfand es als Strafe Gottes, dass meine Söhne für das Militär tauglich waren. Ich wusste nicht, warum Gott mich straft, aber ich nahm es hin. An die Hilfe von Menschen konnte und wollte ich nicht glauben. Nur Deborah wollte dem Gang des Schicksals nicht tatenlos zusehen. Sie machte mir schlimme Vorwürfe, dass ich alles als vorbestimmt hinnahm. Zu dieser Zeit habe ich langsam bemerkt, dass sich Deborah verändert hat. Aus meiner Liebe zu ihr wurde Verachtung und Hass. Sie nannte mich einen törichten Lehrer. Es grämte mich schon zutiefst, dass Deborah meinen Beruf tadelte. Und so habe ich mich in mich selbst und meine Arbeit zurückgezogen. Wenn ich zurück denke an die Jahre in Zuchnow, so waren doch die Stunden allein mit Menuchim die Schönsten. Oft habe ich mit dem Gedanken gespielt, allein mit ihm zu bleiben. Ich habe ihm vorgesungen und vorgesprochen und versucht zu erraten, was in seinem Kopf vorgeht. Menuchim war mein wirklicher Sohn. Er ist mir niemals fremd geworden und war in Gedanken immer bei mir. Wie oft habe ich mich in all den Jahren gefragt, warum mich Gott so straft. Aber auch nach langem und tiefem Nachdenken ist mir damals keine schwere Sünde eingefallen. Ich ergab mich in mein Schicksal.
Deborah erreichte, dass wenigstens einer unserer Söhne außer Landes kam und sich so dem Militärdienst entziehen konnte. Aber wie groß war für mich die Enttäuschung, dass Jonas freiwillig zum Militär ging. Ein Jude freiwillig beim Militär! Er war ein verlorener Sohn. Schemarjah hat dagegen die Heimat verlassen. Sein Schicksal legte ich in Gottes Hand und war mir sicher, dass Gott ihm helfen würde. Und er hat ihm geholfen. Einige Jahre später erhielten wir die ersehnte Nachricht von Schemarjah. Er war in Amerika und wollte, dass wir zu ihm kommen. Ich war selig, dass Schemarjah noch lebte und wusste, Gott hat ihm geholfen. Und welche Eintracht herrschte beim Betrachten der Bilder von Schemarjah in der Familie - ein seltenes Gefühl. Aber was sollte mit Menuchim werden? Er konnte nicht mitreisen. Und was ist mit Schemarjah? Ist er noch der selbe? Er nennt sich doch jetzt Sam! Wie viele Fragen gingen durch meinen Kopf. Ich wusste in diesen Augenblicken auch, dass sich meine Familie auflösen wird. Alle hatten sich verändert. Nur Menuchim war ein Krüppel geblieben und ich der Lehrer, der sein Leben entsprechend der jüdischen Religion und Tradition führte.
Aber Gott hatte uns noch nicht genug gestraft. Ein weiteres Unglück schwebte über uns! Mirjam, meine Tochter, trieb es mit Kosaken, den Ungläubigen! Ich wollte es nicht wahr haben. Am liebsten hätte ich Augen und Ohren zugemacht. Die ganze Nacht habe ich gebetet. Ich merkte mit Entsetzen, Mirjam entzog sich immer mehr der Familie und der jüdischen Gemeinde. Wir mussten nach Amerika und so das Schicksal beeinflussen. Und ich nahm es in Kauf, dass Menuchim zurückbleiben musste. Ich fuhr selbst nach Dubno, um die Papiere für die Auswanderung zu besorgen. Sicher wäre ich unverrichteter Dinge zurückgefahren. Doch ich erhielt Hilfe. Ich denke noch an die Heimfahrt nach Zuchnow. Wir landeten mit dem Pferdefuhrwerk im Graben und ich saß zum ersten Mal in meinem Leben auf der nackten Erde. Ich sah mich um, schaute in den Himmel und begriff zum ersten Mal wie schön doch die Natur ist. Dieses Land könnte doch deine Heimat sein, dachte ich damals.
Dann rückte die Reise nach Amerika immer näher. Und mir war klar, dass Menuchim nicht mitkommen konnte. Aber ich wusste, wenn es Gottes Wille ist, würde uns Menuchim eines Tages folgen. Doch jetzt erst einmal wollte ich ihn versorgt zurücklassen. Deshalb gab ich unser Haus einer jungen Familie, die sich um ihn kümmern wollte. Dann kam der Abschied und meine Angst vor der Überfahrt und dem Wasser. Aber meine Gebete halfen mir. Es wurde für mich ein bewusster Abschied vom alten Kontinent, der Heimat und der Vergangenheit.
In Amerika gab es ein Wiedersehen mit Schemarjah. Aber es war nicht mehr der Schemarjah, der vor Jahren noch bei uns gelebt hatte. Er hatte sich verändert, nicht nur in seinem Äußeren, sondern auch in seinem Verhalten und in seiner Sprechweise. Ich war zutiefst erschrocken. War er noch ein gottesfürchtiger Jude? Und ich selbst zerbrach an Amerika.
Doch nach weinigen Monaten war ich in New York zu Hause. Aber ich musste immer öfter an Menuchim denken. Er fehlte mir und mein Wunsch wurde immer größer, nach Hause zu fahren und ihn zu holen. Dazu fehlte aber leider das Geld. Ich verlor nie die Hoffnung und den Glauben, dass ein Brief kommt, in dem steht, dass Menuchim gesund und Jonas aus der Armee entlassen ist. Und dann kam tatsächlich ein Brief von Jonas! Und er enthielt die freudige Nachricht, dass es ihm gut geht und Menuchim sprechen kann. In diesem Augenblick wusste ich, dass mein Vertrauen in Gott richtig war. Das Unglück hatte sich endlich von meiner Familie abgewendet. Die Sorgen verließen uns. In diesen Momenten kam aber auch die Furcht vor Gottes Zorn in mir hoch. Ich hatte Angst, dass persönliche Veränderungen, seinen Unmut hervorrufen könnten. Das Heimweh nach Zuchnow und die Sehnsucht nach Menuchim blieb stetig in mir. Und immer, wenn ich am Fenster stand, sah ich die Heimat und hörte das Wimmern Menuchims. Er ließ mich nicht mehr los. In jedem Traum sah ich ihn.
Doch schon bald kamen neue Sorgen. In Europa brach der Krieg aus. Und ich wusste, in welcher Gefahr sich Menuchim und Jonas befanden. Sam, der sich in Russland dem Militärdienst entzogen hatte, zog freiwillig in den Krieg. Ich war Schuld am Leid meiner Kinder! Ich wusste, dass das Singen der Psalme nicht genug war. Aber ich war noch nicht bereit, etwas anderes zu tun. Warum hatte ich Menuchim nicht schon nach Amerika geholt. Und warum habe ich Sam nicht vom Krieg abgehalten. Dann wäre er vielleicht noch am Leben. Und auch Deborah, die am Tod Sams zerbrach. Mit Sams Tod verband ich auch den Tod Menuchims. Wie beneidete ich damals Deborah, die tot war. Ich glaubte, dass Gott mir ihr Mitleid habe und mich nicht weiter strafte. Aber warum kam das Unglück wieder über unsere Familie. Ich glaube, wir hätten uns die Wärme unserer Liebe erhalten und uns beistehen sollen. Stattdessen lebten wir nur noch nebeneinander. Nach all den Schicksalsschlägen wurde auch Mirjam noch wahnsinnig. Das konnte Gott einer Familie allein nicht antun. Mit diesem Gott konnte und wollte ich nichts mehr zu tun haben. Ich glaubte, dass ich mich in Gott getäuscht hätte. Er war grausam zu mir. Ich habe lange, lange meinen Glauben trotz der vielen Schicksalsschläge bewahrt. Doch dann konnte ich nicht mehr. Warum strafte er mich? Ja, diese Frage stellte ich mir zu dieser Zeit selbst. Früher habe solche Fragen bei Deborah als Gotteslästerung gesehen. Ich war böse auf Gott und wollte mit ihm für immer brechen. Aber trotzdem, mein rotsamtenes Säckchen mit den geweihten Gegenständen konnte ich nicht ins Feuer werfen. Und das war gut so. Aber ich betete nicht mehr. Meine Freunde wollten mich trösten. Sie prophezeiten mir, dass Gottes Schläge einen verborgenen Sinn hätten. Doch meine Erfahrungen konnten mich das nicht glauben lassen. Ich hatte alle Hoffnung aufgegeben. Alles um mich herum, war mir egal. Ich war verzweifelt, einsam und verlassen. Aber dann, ich weiß es noch genau, kamen Schallplatten aus Europa. Und auf einer war Menuchims Lied. Dieses Lied hat mich so tief bewegt und ich war mir sicher, dass ich Menuchims klägliches Wimmern hörte. Ich weiß noch, wie mir die Tränen über die Wangen liefen. Mit diesem Lied reifte auch ein Plan in mir. Ich wollte nach Zuchnow heimkehren. Ich wusste plötzlich, dass die russische Landschaft meine Heimat war und auf mich wartete. Und auch Menuchim wartete. Meine Angst, mich auf nackte Erde zu legen, war nicht mehr da.
Aber es hat sich alles anders entwickelt. Ein Verwandter von Deborah war in Amerika und suchte mich. Alexej Kossak. Ich weiß noch, sein Foto machte mich so fröhlich und leicht. Diese Augen hatte ich schon gesehen. Ich kann mich noch genau an den Sederabend des Pessachfestes bei Skowronneks erinnern. Alexej tritt ein und erzählt von der Heimat. Er hat mein Haus gekauft und will mir 300 Dollar dafür geben. Wie glücklich war ich! Mit diesem Geld konnte ich bald zurück zu Menuchim. Doch die Freude wurde noch größer. Denn Alexej war Menuchim, mein Menuchim. Deborah hatte recht, es gibt Wunder. Ich weiß jetzt, dass man Geduld haben muss und die Dinge ihre Zeit brauchen. Aber ich hoffe, dass eines Tages auch Jonas wieder vor mit stehen wird. Ich habe mich mit Gott wieder ausgesöhnt und zu ihm zurückgefunden. Ich bin Zeuge dafür, dass Gott immer noch ganz große Wunder vollbringt. Aber ich weiss auch, dass ich ein schlechter Vater für Menuchim und Mirjam war. Menuchim habe ich meine Liebe vorenthalten und ihn in Zuchnow zurückgelassen wie eine tote Sache. Auch Mirjams Liebesbedürfnis habe ich nie verstanden. Menuchim hat mir verziehen. Und um Mirjam kümmert sich er sich jetzt. Ich muss an Deborah denken. Wie schön war sie doch gewesen. Warum musste alles nur so kommen?
Doch ich weiß nun, dass ein Zweifel an Gott trotz aller Schicksalsschläge unbegründet ist. Eine Auflehnung gegen Gott bringt keinen Sinn und auch eine Abwendung von ihm nicht. Er hat mich einer harten Probe unterzogen, die ich bald nicht bestanden hätte. Ich bin ein einfacher Mann und trotzdem hat Gott ein Wunder an mir vollbracht. Menuchim ist der Beweis für Gottes Größe, Güte und Barmherzigkeit. Ich habe mein Vertrauen zu Gott neu gewonnen."