Klageschrift gegen Gott
Lieber Gott,
einziger Gott meines monotheistischen Glaubens. Ich führte immer ein bescheidenes und, unter deiner Führung, zufriedenes Leben. Ich war stets fromm, betete regelmäßig und gab meinen Glauben an die Tora in meiner Funktion als Lehrer an die Kinder weiter. Mein Leben bestand aus Gebet, Arbeit und Familie, ganz nach deinem Sinn. Ich weiß, dass ich deine Fülle nie auch nur ansatzweise ausloten kann. Barmherzigkeit und ein friedliches, zufriedenes Leben sollten doch aber jeder fromme und rechtschaffende Jude erhoffen können. Ein Irrtum ?
Du schenktest du mir meinen kranken Sohn Menuchim. Zunächst suche ich den Fehler bei mir, denn ich weiß, dass alles Leid im Leben sich die Menschen durch nicht ganz gottgemäßes Leben selbst bringen. Doch ich bitte dich mit aller Ehrfurcht: Was habe ich falsch gemacht? Für welche Tat bestrafst du mich??
So sehr ich mich auch bemühe, ich kann nichts finden in meinem Leben, das dir lästern würde. Menuchim habe ich noch akzeptieren können, doch dass du bald danach meine beiden Söhne aus dem Krieg hast nicht wiederkehren lassen, stößt bei mir auf wesentlich mehr Unverständnis. Ist das die Strafe für Miriams Beziehung zu diesen moralisch verkommenen Menschen, den Kosaken? Wenn "ja", dann bitte ich dich um Vergebung für die Sünden meines Kindes. Doch weshalb nahmst du dann auch noch meine Frau? Habe ich nicht schon genug gelitten? Was werde ich noch ertragen müssen, um meine Sünde zu verbüßen??
Ich weiß, Herr, dass alles Leid ein Fingerzeig von dir ist, doch was soll ich erkennen, was willst du mir zeigen? Was? ! Willst du mich prüfen? Willst du sehen, wie stark mein Glaube an dich ist ?
Wenn das deine Absicht sein sollte, so frage ich dich nochmals: Wann werde ich meine gerechte Strafe verbüßt haben? Die Strafe, deren Schuld ich mir allerdings nicht im geringsten bewusst bin.
Herr, es tut mir leid, doch ich kann mit dieser Ungewissheit nicht länger leben. Ich kann nicht weiterhin das demütige und fromme Leben führen, das du von mir verlangst. Ich kann nicht anders, als dir zu trotzen und gegen deine Entscheidungen zu rebellieren. Dies wird mein letztes Gebet an dich sein und in die Synagoge werde ich auch nicht mehr gehen. Ich kann einfach nicht. Es tut mir leid, doch ich habe den Glauben an dich verloren. Auch wenn ich deine Prüfung demnach nicht bestanden haben sollte, ich kann nicht anders. Ich warte nun auf ein Zeichen von dir, das mir wieder die Kraft gibt zu glauben. Doch bis dahin bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen eigenen Weg jetzt allein zu beschreiten.