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Mendel Singer klagt an

Oh, Ehrfürchtiger, Du, der über uns allen steht und wacht, unser Leben begleitet, vorbestimmt und beschützt. Wunder sollst Du vollbringen und den Menschen helfen. Deine schützende Hand sollst Du über Sie legen und durch ihr Leben führen. Auch strafen sollst Du sie, wenn sie sündigen. Gerecht ist es dort zu strafen, wo Sünde begangen wird. Nun frage ich Dich, welche Sünden meine Familie und ich begangen haben, dass Du uns so sehr strafst? Welche, dass Du uns so quälst? Welche schwere Sünde muss ich begangen haben, dass Du sie mit einer so harten Strafe wieder auszugleichen versuchst? Warum meine Familie und ich? Ich, Mendel Singer, ein einfacher, frommer Jude mit dem schlichten Beruf eines Lehrers, warum ich? Immer war ich bescheiden, zufrieden mit dem, was ich hatte. An keine Sünde kann ich mich erinnern. Täglich habe ich zu Dir gesprochen, habe mit ehrlichem Eifer versucht den Kindern die Kenntnisse der Tora zu vermitteln. Wie die meisten in Zuchnow hatte ich drei Kinder, ein kleines Heim und eine junge und schöne Frau mit ergötzendem Fleische. Ist das Sünde, Gott? Ist das etwa schwere Sünde, Gott? Sag mir, was ich verbrochen habe! Was macht Dich so wütend, dass Du uns solch schwere Last hast tragen lassen und mich jetzt tragen lässt? Hast Du es auf uns abgesehen? Als unser Sohn Menuchim geboren wurde, fragte ich mich für welche Sünde dies die Bestrafung sei. Ich glaubte es habe seine Berechtigung, da Du nichts ohne Grund geschehen lässt und nahm mein Schicksal gleichmütig und willenlos hin. Auch als meine Söhne Jonas und Schemarjah zum Militär verpflichtet werden sollten, suchte ich die Legitimation bei Dir. Irgendwann jedoch reichte dies für mich nicht mehr aus und ich begann zu zweifeln. Menuchims Krankheit konntest Du nicht heilen. Jahre warteten ich und meine Frau Deborah. Nichts geschah. Schemarjah floh nach Amerika und wurde einer von denen. Oh, Amerika! War das eine Sünde? Jonas ging zu den Kosaken und auch Mirjam umgab sich mit diesen Menschen. Warum musste das alles passieren? Was haben meine Familie und ich nur falsch gemacht? Welchen Zweck hat das alles? Wenn Du mir nur eine Antwort auf. diese Fragen geben könntest. Ich bin verzweifelt. In Amerika hoffte ich, dass alles würde besser werden. Sogar Menuchim haben wir zurückgelassen. War das ein Fehler? Hätten wir in unsrer Heimat bleiben sollen? Ich weiß es nicht. Nun ist Schemarjah tot, Jonas verschollen und Menuchim in Russland. Tag und Nacht habe ich gebetet. Ist das der Dank? Nun ist auch Deborah von uns gegangen. Willst Du Dich über mich lustig machen oder siehst Du mich gern leiden ?Ist das eine Botschaft oder mein Schicksal? Warum? Warum? Langsam glaube ich nicht mehr an Deine Gerechtigkeit. Warum soll ich denn überhaupt noch beten? Gestraft hast Du mich doch schon genug. Wenn Du mich verstehst, dann bitte hilf mir nur dieses eine Mal. Bitte lass noch ein Wunder geschehen.