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Tagebuchaufzeichnungen von Mirjam Singer

Frühe Jugend

I. Tagebucheintrag

Ich hasse ihn so sehr und doch fürchte ich ihn.
Es ist immer dasselbe. Mutter ist nie für uns da, weil sie nur um ihn besorgt ist und sich nur um ihn allein kümmert. Uns drei lässt sie im Stich. Und wenn sie wieder für ihn beten geht, müssen wir dann auf ihn acht geben.
Nie können wir spielen. Die anderen Kinder lachen uns nur aus, wenn wir in Begleitung dieses lächerlichen Wesens sind. Irgendwann wollten Jonas, Schemarjah und ich ihn loswerden, so verzweifelt waren wir.
Mutter ignorierte uns und Vater strafte uns.
Wir tauchten Menuchim mit den Kopf voran in einem Bottich, gefüllt mit Wasser, Würmern und verschimmelten Essensresten, in der Hoffnung, daß wir von ihn befreit würden.
Doch es passierte nichts. Er starb nicht. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Seitdem fürchte ich ihn. Wir alle fürchten ihn.
Ich versuche immer so oft es geht von zu Hause fernzubleiben.
Manchmal bin ich bei den Nachbarn. Aber in letzter Zeit habe ich eine neue Freude entdeckt. Vor wenigen Tagen musste ich Botengänge verrichten, da sah ich einen Schatten hinter mir. Ich hörte ein silbernes Klirren und Rasseln wie von Sporen und ich roch Pomade und Rasierseife. Ein Offizier der Garnison folgte mir.
Ein herrliches, berauschendes Gefühl durchströmte mich, welches ich vorher noch nie gespürt hatte. Einerseits war ich neugierig, andererseits floh ich vor meinem Verfolger. Vor lauter Aufregung und Neugier ging ich Umwege. Seit diesem Ereignis versuche ich so oft es geht Botengänge zu erledigen. Dieses Erlebnis ist für mich zu einem wahren Genuss geworden. Seitdem beobachte ich auch genau meine Umgebung; immer wieder fallen mir diese Blicke der Offiziere auf. Und ich erwarte sehnsuchtsvoll dieses Moment der Flucht, weil mir die Offiziere folgen.
Nie würde ich wagen irgend jemanden dies hier anzuvertrauen. Sie würden es einfach nicht verstehen.

Kurz vor der Auswanderung

II. Tagebucheintrag

In den letzten Tagen ist sehr viel passiert. Sam schickte einen Amerikaner namens Mac zu uns. Er überreichte uns Fotos von Sam und seiner Familie und viel Geld, ganze zehn Dollar. Er will uns nach Amerika holen. Am liebsten wäre es mir, wenn neben Menuchim auch Mendel Singer hier in Russland bleiben und ich nur mit Mutter fahren würde. Er weiß alles über mich. Er weiß alles von meinen Soldaten und zögert nicht irgendwelche Anspielungen zu machen, so daß ich vor Wut rot werde.
Zudem quälte mich noch etwas anderes den ganzen Sommer, nämlich die Angst vor der Ernte, denn das Kornfeld war ein Ort, wo ich alles hinter mir lassen konnte, wo ich alles vergaß, wo ich mich mit meinen Soldaten treffe konnte.
Es betäubte meine Sinne. Ich weiß, daß sie nur meinen Körper begehren und doch muss ich immer an Iwan, Stepan und Wsewolod denken.
Es ist nur ein paar Tage her, da traf ich mich mit Iwan, es war das letzte Mal.
Ich sagte ihm, daß wir nach Amerika auswandern. Er sagte, ich solle ihn nicht vergessen. Es war schwer Abschied zu nehmen, aber ich weiß, es wäre schlimmer gewesen, wenn ich nicht ihn, sondern er mich zurück gelassen hätte. In diesem Moment empfand ich keine Angst mehr vor der Ernte, ich würde dieses Leben hier zurück lassen. Ich liebe die Männer und ich sehne mich nach dem großen, unendlich weiten Amerika. Dort erst werde ich endlich alle Freiheiten genießen. Keine Enge wird mich bedrücken, endlich werde ich richtig leben können und Mendel Singer kann mich dann nicht mehr mit seinen Anspielungen verärgern, denn diese werden in meiner neuen Welt keine Bedeutung mehr haben.

In Amerika

III. Tagebucheintrag

Endlich lebe ich mein Leben. Ich verdiene mein eigenes Geld, bin viel unterwegs und nicht in einem Zimmer eingesperrt. So oft es möglich ist, gehe ich mit Mac aus. Wir tanzen, lachen, trinken, gehen schwimmen und genießen dieses Leben mit langen Spaziergängen. Es ist wunderbar.
Ich versuche immer seinen Worten zu folgen, wenn er etwas erzählt, aber es fällt mir schwer, ihn zu verstehen. Das liegt wohl daran, daß er zu klug spricht, um verstanden werden zu können.
Mutter weiß übrigens alles über Mac und mich. Seit wir hier sind, sind wir wie Freundinnen. Ich kann bis in die Nacht hinein alles mit ihr bereden. Wir vertrauen uns wie noch nie zuvor. Vorletzte Nacht erzählte sie mir, wie sehr sie Menuchim vermisst und wie schwer es ihr fiel sich von ihm zu trennen. Gestern sprach ich mit Mac, so gut es ging. Er will Ende Juli oder im August nach Russland fahren, um Menuchim zu holen.
Morgen werden es Mutter und Vater von Mac erfahren. Wie sie wohl reagieren werden?