Tagebuchaufzeichnungen von Mirjam Singer
Ich bin verärgert. Gestern habe ich den halben Tag in der Küche gestanden und für den Sabbat gebacken. Meine Mutter schiebt fast den ganzen Haushalt auf mich ab. Wenn ich da unsere Nachbarn sehe: Lea und Ruth können machen, was sie wollen, obwohl sie schon zwölf und dreizehn sind. Bei ihnen zu Hause ist sowieso alles viel schöner. Ich bin gerne dort. Vorhin saßen wir -wie immer- schweigend am Tisch und starrten -wie immer- auf die tropfenden Kerzen. Langweilig.
Warum kann es hier nicht auch ein bisschen fröhlich zugehen? Mutter läuft mit einem griesgrämigen Gesicht herum und hört nie zu. Worum sie sich wirklich kümmert, ist einzig und allein Menuchim. Die anderen sind Luft für sie. Vielleicht laufe ich irgendwann mal weg, damit sie merkt, daß ich da war. Aber wahrscheinlich bin ich dazu zu feige.
Vor einigen Jahren hatten Mutter und Vater noch Zeit für mich. Menuchim hat das zerstört. Ich weiß, er ist mein Bruder und deshalb sollte ich ihn lieben. Aber wie soll ich jemanden lieben, der alles für sich vereinnahmt?
Neulich habe ich beobachtet, wie Vater ihn auf den Schoß nahm und ihm Lieder vorsang. Hat er das mit mir je getan? Bin ich ein schlechteres Kind als Menuchim?
Es hat sich endlich entschieden! Kapturak war gerade hier und hat die Papiere gebracht.- Wie ich mich freue! Als Mac uns besuchte, hat er mir eine Ansichtskarte von New York geschenkt. Ich schaue oft dieses riesige weiße Denkmal an. Wenn wir im Hafen ankommen, will ich herausfinden, wie es heißt. Ob die ganzen Gerüchte über Amerika wahr sind? Man sagt, es gäbe dort Geräte, aus denen Musik kommt. Es ist alles so aufregend! Komisch, irgendwie ist mir das, was ich zurücklasse, total gleichgültig. Was ist schon unser altes Haus, Zuchnow, Europa. Ich tausche es mit Freude gegen Amerika ein. Selbst Iwan hält mich nicht. Ich habe den Eindruck, er hört mir nicht zu, wenn ich rede. Und überhaupt: Die amerikanischen Männer sind viel interessanter. Das Leben wird so wunderschön sein!!!
Diese Nacht hatte ich einen Albtraum: Ich kam spätabends nach Hause. Ich trug mein weißes Kleid und den gelben Schal. Als ich die Tür unseres Zuchnower Hauses öffnete, stand auf einmal Menuchim vor mir. Er sah furchterregend aus und drohte mir. Ich rannte schnell davon. Jedoch geriet ich in sumpfiges Gelände und blieb ständig in dem morastigen Untergrund stecken. Als ich hinter mich blickte, sah ich ihn wieder und versuchte schneller voranzukommen. Es nützte nicht viel, denn plötzlich war Menuchim ganz nahe, beugte sich zu mir und sagte (obwohl er gar nicht sprechen kann ): „Ich habe dich eingeholt." Meine Mutter kam angerannt und schrie, doch ich verstand nicht, weshalb. Dann sah ich an mir herunter. Mein Kleid war schwarz von Schlamm. Unausgeschlafen bin ich früh ins Geschäft gegangen. Vormittags kam ein gewisser Mister Glück, ein Bekannter von Mac und Sam. Wir tranken Kaffee zusammen und er war sehr nett zu mir und machte mir Komplimente. Ich habe in dem dreiviertel Jahr die englische Sprache schon sehr gut gelernt, sagte er. Nächstens wollen wir ins Kino gehen. Hoffentlich wird Mac nicht eifersüchtig. Die Eltern sehe ich selten. Sie verübeln es mir nicht, glaube ich. Was wollen wir uns auch erzählen'? Sie haben sich noch nicht richtig an das neue Leben gewöhnt. Mac sagt immer: „Adaptation simplifies life." Und da hat er recht.