Schemarjah schreibt seinem Sohn
Liebster MacLincoln oder "My dear boy" wie Dich Deine liebe Mutter immer nennt,
ich schreibe Dir mit der schrecklichen Gewissheit vielleicht nie wieder in Deine großen strahlenden Augen blicken zu können, mein Sohn - meine Hoffnung. Mir ist bewusst, dass diese Situation nicht leicht ist und glaube mir, teurer MacLincoln, für alle Beteiligten genauso unverständlich wie für Dich.
Ich will Dir von einem ehrgeizigen jungen Mann erzählen, der seine Familie und seine Heimat verlässt um sich in Amerika seinen großen Traum von Freiheit zu erfüllen.
Alles begann in Zuchnow, einem kleinen Schtetl irgendwo in den riesigen Weiten Russlands. Er hieß Schemarjah und wurde als zweites von insgesamt vier Kindern geboren. Der Erstgeborene mit dem Namen Jonas war ein abenteuerlicher Junge und von einfachem Wesen. Er wollte von je her Bauer werden und die Vorzüge eines solchen Lebens genießen. Er ging später zu den Soldaten und wurde nie wieder gesehen. Mirjam, seine Schwester, brach mit den Traditionen des jüdischen Glaubens und verbrachte ihre Jugend lieber in den Armen von Kosaken, als zu Hause hinter dem Herd. Und Menuchim, der jüngste Sohn, war ein Kind mit schweren psychischen und physischen Schäden, ein "Epileptiker". Niemand kannte diese Krankheit und so gab man die Hoffnung auf, dass aus ihm irgendwann einmal ein ganz normales Kind werden würde. Die Eltern waren ein frommer, gottesfürchtiger jüdischer Lehrer und seine an Wunder glaubende Frau. Die Familie war sehr arm. Und so lebten sie viele Jahre bis die Zeit heranbrach, in der die Jungen den Militärdienst antreten sollten. Jonas, sofort von der Idee begeistert Soldat zu werden, wünschte sich nichts sehnlicher und meinte damit sein Glück gefunden zu haben. Schemarjah hingegen ist davon überhaupt nicht angetan. Er würde viel lieber ein reicher Mann sein - ein Kaufmann vielleicht - Karriere machen und die Welt sehen. Das ist der Stoff aus dem jede Nacht seine Träume gemacht sind. Große Städte, Bahnen, die mitten durch die Straßen fahren und Läden, deren Fenster bis zu den Füßen reichen... So trug es sich nun zu, dass dieser junge Mann desertierte und über die Grenzen des Landes floh. Allein das Gefühl der Angst ließ ihn manchmal zweifelnd zurückblicken. Hinter der Grenze angekommen, arbeitete er für einen Agenten und half anderen Deserteuren, das heißt jungen Männern, die es ihm gleich taten, bei ihrer Flucht nach Amerika. Hier lernte Schemarjah die liebreizende Vega kennen und verdiente so viel Geld um selbst nach Amerika reisen zu können. Es war ein Aufbruch ins Ungewisse - ein Abenteuer. Nichts im Gepäck außer dem langjährigen Traum von der großen Freiheit. So kamen sie nach sechzehn Tagen und Nächten in Amerika an: ein junger unerfahrener Mann, ein Schiff und ein Traum. Die Augen weit aufgerissen verließ er das Schiff... Da war er nun, doch irgendwie roch es hier auch nicht anders. "Grenzenlose Freiheit, Reichtum, Karriere - hier bin ich!" waren seine Gedanken.
Schemarjah lernte noch am Hafen seinen später besten Freund Mac kennen, der ihm den Namen "Sam" gab. Mit Mac begann er Versicherungen zu verkaufen. Beide wurden schnell erfolgreich, so dass seine geliebte Vega ihm nachreisen konnte und Sam sie endlich zu seiner Frau nahm. Schnell lebte er sich ein in diese moderne Welt, in der das Leben im Vordergrund stand - der Genuss - die Freiheit. Wem würde das nicht leicht fallen bei diesem bunten Treiben auf den Straßen, dem Fortschritt und der Technik? Der Mensch Schemarjah schien zufrieden. Und der Jude Schemarjah? Ja, auch er passte sich an. Das bedeutete nicht, dass er sich von seinem Glauben abwandte. Er war so vernünftig, dass er erkannte, dass es Kompromisse zwischen dem Leben in dieser Zeit und dem Glauben geben musste. Das ging sogar soweit, dass er jüdische Traditionen aufgab um in Amerika zu leben. (Dies ist in keinem Fall verwerflich, mein Sohn, denn es ist eine zweckmäßige Entwicklung, die Schemarjah durchläuft. Immer auf der Suche nach seinem ganz individuellen Glück. Und dieses schien er in Amerika gefunden zu haben.)
Vielleicht kommen Dir einige Namen aus dieser Geschichte bekannt vor. Es ist meine Geschichte. Nicht zufällig erhieltest Du den Namen "MacLincoln"!
Wie es ihm wohl geht, meinem Mac?
In Anbetracht der Tatsache, dass ich Dir diese - meine Geschichte wohl niemals selbst erzählen kann, habe ich sie Dir aufgeschrieben. Sie soll Dich an mich erinnern und Beispiel sein. Sie soll Dir Kraft verleihen, um Deine Ziele zu erreichen.
Es ist eine große, aber ebenso schwierige Zeit angebrochen und es werden weitere folgen.
Gib' nicht auf, mein Kind! Träume! Träume helfen schwere Zeiten zu überstehen!
Du wirst Deinen Weg finden...
Küsse den Engel an Deiner Seite, welchen Du Mutter nennst
Dein Vater Sam (Schemarjah)