Es war einmal ein kranker Junge
Eine bezaubernde Melodie
Es war einmal, in einem großen Königreich, ein reicher aber dennoch sehr trauriger König. Kein Hofnarr schaffte es, ihn zum Lachen zu bringen. Und deshalb bekamen die königlichen Krokodile täglich ein zusätzliches Mahl.
Im selben Königreich, am Fuße des Schlosses, lebte eine sehr arme und vom Unglück gezeichnete Familie. Ihr jüngster Sohn, Menuchim wurde mit einer schweren Krankheit geboren und der älteste Sohn starb schon sehr jung, als er mit der Armee des Königs einen Eroberungskrieg gegen das benachbarte Königreich führte. Der Vater war ein Hauslehrer und verdiente nur wenig Geld. Die Mutter kümmerte sich um den kranken Menuchim und darum kam es nicht selten vor, dass sie ihre anderen beiden Kinder vergaß. Diese mochten Menuchim nicht sonderlich, da sie oft von anderen Kindern verspottet wurden, wenn sie mit ihm im Dorf spazieren gehen mussten.
„ Menuchim, der Krüppel! Die doofen Singerkinder gehen mit ihrem verkrüppelten Menuchimhund spazieren!“, riefen ihnen die Kinder im Dorf nach. Sie schämten sich so für ihren kleinen Bruder, dass sie einmal versuchten ihn im Regenfass, hinter dem Haus zu ertränken. Doch wie durch ein Wunder überlebte Menuchim dieses Attentat und seitdem fürchteten sich die beiden vor ihm. Als sie eines Tages durch die Stadt gingen sahen sie in einem Schaufenster einen Aufruf des Königs. Er forderte alle Untertanen auf, sich am Hofnarrenwettbewerb zu beteiligen. „ Dem Gewinner winkt ein monatliches Einkommen von 500 Goldtalern, außerdem eine kleine Villa mit großem Grundstück im königlichen Wald und eine Kombikutsche mit zwei Pferdestärken, vergoldeten Radfelgen, Navigationsfee und einem aufklappbaren Dach für warme Sommertage.“
„ Oh, das wäre schön, wenn wir da gewinnen könnten!“, sagte Menuchims Schwester.
„ Ich mach mit!“, jubelte der ältere Bruder und sie packten Menuchim an den Armen und liefen los, um die freudige Nachricht ihren Eltern zu überbringen. Doch in der Eile vergaßen sie das Kleingedruckte zu lesen.
„ ... Die Verlierer werden den königlichen Krokodilen zum Fraß vor geworfen! Die Beerdigungskosten der Überreste werden nicht von der Versicherung des Königs übernommen!“
Als die Eltern von der Idee ihres Sohnes hörten, waren sie so erfreut, dass sie gleich anfingen ihm ein Narrenkostüm zu nähen. Am nächsten Morgen wollte er zum Schloss aufbrechen, doch bevor er sich auf den Weg machte, schenkte ihm der Vater einen selbst gebauten Narrenstab. Es war ein etwas krummer Stock, an dem mit einem Bindfaden die Glocke, der schon lange verstorbenen Katze, befestigt war.
Der Sohn zog also los und wurde seither nie wieder gesehen.
Ob er von den Krokodilen gefressen wurde, was wohl eher möglich ist, oder mit seinem Gewinn ausgewandert ist, dass bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
Und so gingen die Wochen, Monate und Jahre ins Land. Menuchim, der mittlerweile schon zehn Jahre alt war, wuchs einfach nicht aus seinem Strampelanzug heraus. Im Gegenteil, der Anzug schien zu wachsen oder Menuchim zu schrumpfen.
Aber dieser Sachverhalt trägt keineswegs zur Handlung des Märchens bei und darum zurück zum inzwischen zehn Jahre altem Menuchim.
Wie das Schicksal es wollte, hatte der König, der natürlich auch zehn Jahre älter geworden war, immer noch kein passenden Hofnarren gefunden. Und prompt verdonnerte er seine Truppen dazu, durch sein Königreich zu reisen und ihm einen ordentlichen Hofnarren zu besorgen.
„ Bringt mir einen Hofnarren, ich will endlich einen Hofnarren! Lebend oder tot!“, soll er ihnen hinterher gerufen haben.
Was ein König allerdings mit einem toten Hofnarren anfangen will, ist mir nicht klar. Sollte ein Leser einen Beitrag zu diesem Problem haben, kann er sich vertrauensvoll an den König wenden.
Die königlichen Truppen ritten und ritten also über Felder und Wiesen, durch Dörfer und Städte, bis sie eines Tages an die Tür der Singers klopften. Die Tür ging auf und ein Strampelanzug mit einem footballförmigen Kopf, auf den ein breites Grinsen aufgenäht war, kam ihnen entgegen gewatschelt. Die Soldaten sahen auf den Eierkopf herunter, warfen sich vor Lachen auf den Boden und beruhigten sich erst wieder, als am nächsten Morgen der Hahn krähte. Herr Singer bat sie in sein Haus und seine Frau servierte Kaffee und Kuchen. Die Soldaten erzählten von ihrem traurigen König, der unbedingt einen Hofnarren haben wollte. Sie glaubten, dass Menuchim einen guten Hofnarren abgeben würde. Doch Herr Singer mochte seinen, immer noch kranken Sohn nicht hergeben. Er hatte Angst, dass auch er ein Fall für die Kripo- Soap „Vermisste Hofnarren“ werden wird und sagte klipp und klar: „Jain!?“.
Es folgte, was folgen musste. Die Soldaten und Herr Singer lieferten sich eine wahre Schlammschlacht. Sie zerrten Menuchim hin und her, an Armen und Beinen und fachsimpelten lauthals über die letzte Episode von „Vermisste Hofnarren“.
Doch plötzlich, zerfetzte ein lautes Krachen, gefolgt von einem unüberhörbaren „Blopp“ den Lärm der aufgebrachten Menge und als die Streitenden auf den Strampelanzug von Menuchim sahen, bemerkten sie, dass jeder von ihnen einen kleinen Fetzen Stoff in der Hand hielt.
Aber wo war Menuchim? Im Strampelanzug war er jedenfalls nicht mehr.
Vater Singer ließ seine Augen suchend durch das Wohnzimmer wandern, als sein Blick plötzlich verharrte. Da stand tatsächlich ein kleiner Junge mit einem breiten Grinsen, geraden Armen und Beinen und einem wohlgeformten Gesicht vor ihm.
„ Papa!“, sagte er.
„ Ich bin dein Sohn Menuchim und ich möchte den König glücklich machen.“, fügte der kleine Junge, der überhaupt nicht krank aussah hinzu.
Der Vater blickte zur Mutter, die auf einmal panisch zur Tür stierte und er wandte seinen Blick dem zerrissenen Anzug zu. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Seine Frau hatte Menuchim gleich nach der Geburt diese hässlichen Klamotten angezogen und sie bis heute nicht gewechselt.
„Mein Bann ist gebrochen, du hast meine Energiequelle zerstört! Aaahhh, ich muss sterben! Hilf mir Singer!“, schrie es plötzlich hinter seinem Rücken. Er drehte sich um und sah, wie seine Frau in sich zusammenschrumpfte. Als sie keine Kraft mehr zum Schreien hatte, lag ein alte grüne Gummiehexe am Boden, die aussah wie eine Luftmatratze, die man mit einem Nutellamesser zum Platzen gebracht hat.
„ Ich habe die ganze Zeit mit einer alten Hexe zusammengelebt?“, bemerkte Vater Singer ganz unglücklich.
„ Ja, und ich bin ihre Hexentochter, in mir wird sie weiterleben! Ha, ha, ha, hhhaaaa!“, kreischte die fast in der Vergessenheit versunkene Tochter und rannte wie eine Irre aus dem Haus und wurde danach nie mehr gesehen.
Menuchim fiel seinem noch verwirrtem Vater in die Arme und die Soldaten, die ja auch noch da waren und ganz überwältigt von der Dramatik schienen, klatschten Beifall.
Sie versprachen, dass Menuchim es auf dem Schloss gut haben wird und der Vater unterschrieb den Hofnarrenarbeitsvertrag, nachdem er das Kleingedruckte gründlich durchgearbeitet hatte.
Menuchim, der noch keine zehn Minuten auf seinen graden Beinen stand, fand sich plötzlich in der königlichen Kutsche, auf dem Weg ins Schloss wieder. Noch nicht einmal richtig angekommen, brachte man ihm seine Arbeitskleidung und schob ihn ins Gemach des Königs.
Vor Menuchim saß, auf einem leicht verdreckten Thron, der gelangweilte und voraussichtlich sehr traurige König. Menuchim konnte es nicht glauben, auf dem ganzen Boden lagen Spielsachen verteilt. Barbies, ferngesteuerte Autos, Comics, ein Gameboy und hunderte von Spielen. Wie konnte dieser Mann traurig sein?
Als er überlegte, wie den König glücklich machen konnte, und seine Augen das Zimmer nach brauchbaren Gegenständen absuchten, fiel es ihm auf. Das Piano. Verstaubt in einer Zimmerecke stehend, lächelte es ihn mit seinen großen weißen Zähnen an. Ja, es forderte ihn förmlich auf für den König zu spielen. Also sprang er mit einem Satz in die Ecke, schwang sich auf den Stuhl und begann seine Finger über die Tasten tanzen zu lassen.
Eine bezaubernde Melodie durchbrach die, von Kälte gequälte Luft. Der König blickte auf und ein Lächeln rutschte ihm über die Lippen.
„ Bravo, bravo! Spiel weiter mein Kind!“, sprang es ihm aus dem Mund. Und Menuchim spielte und spielte und wenn der König von traurigen Menschen erfuhr, dann schickte er ihn zu diesen und ließ sie an der bezaubernden Melodie des Pianos teilhaben. So lebte Menuchim mit seinem Vater am königlichen Hof und reiste um die ganze Welt, um andere Menschen glücklich zu machen.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann spielt er auch noch heute Piano.
Und wenn ihr kleine und traurige Könige oder Königinnen seid, wird er auch für euch spielen.
Ihr müsst nur daran glauben.