Traditions- und Förderverein e.V.

Goldenes Abitur 2003

"Wir haben die Welt ein Stück mit verändert"

Es war ein veranstaltungsreiches Wochenende für Lehrer und Schüler des Lessing-Gymnasiums. Die Jahrgänge 1953, 1973, 1983 und 1993 trafen sich wieder. Am Abend tanzten 80 einstige Abiturienten in der "Weißen Taube" noch einmal auf einem Abiball. Und am Sonntagmorgen erforschten sie an der Seite von Peter Rentsch das Kloster Buch oder saßen beim Frühschoppen im "Döbelner Haus".

Für jeden einzelnen Teilnehmer dieses Lessing-Gymnasium-Wochenendes wird es einen besonderen Höhepunkt gegeben haben. Der historisch wertvollste war wohl das Treffen zum "Goldenen Abitur". Denn die heute 68-Jährigen gaben sich nicht damit zufrieden, sich wiederzusehen. Sie blickten zurück auf die spannenden Jahre zwischen 1949 und 1953, in denen sie ihr Abitur machten.

Erinnerten an das bewusst erlebte Ende des Dritten Reiches, die folgenden Hoffnungen, die antifaschistisch-demokratische Erziehung, an den Aufruf zum Aufbau des Sozialismus, die Begeisterung bei den Deutschlandtreffen in Berlin, an den 17. Juni 1953 und das Entsetzen darüber, dass einige Mitschüler zwischen mündlichen und schriftlichen Abiturprüfungen von der Schule gejagt wurden. Nur weil sie der Jungen Gemeinde angehörten. Sie blickten zurück auf das Heranreifen junger Menschen in einer schweren Nachkriegszeit und eine Schulzeit, die nach Dr. Christian Wolfs Worten mit "Zweifeln an der Theorie und Praxis des aufzubauenden Sozialismus" endete. Aber, so betonte er, "wir wissen heute, dass wir mit unserer Berufstätigkeit ein Stück weit die Welt mit verändert haben." Jeder auf seine Weise, und jeder auf seinem ganz speziellen Wege.

Etwa 50 Prozent der damaligen Abiturienten gingen in die alten Bundesländer. Was ihnen wiederfuhr, wie sie das Abitur wiederholen mussten, ob ihrer guten naturwissenschaftlichen Ausbildung diskriminiert wurden, wie sie sich durchboxten, dass erzählte Gisela Hill aus Kaden. Und sie resümierte: "Wer es schwerer von uns gehabt hat? Wohl keiner. Es war im Westen wie im Osten gleich schwer."

Professor Christian Wegerdt blickte mit den Worten zurück: "Die Einfachheit des Alltags hat Innovation erzeugt. Die Not hat uns für ein ganzes Leben erfinderisch gemacht." Und er stellte auch eines klar: "Der Maßstab für die Wirtschaftlichkeit einer Gesellschaft wird in der Schule gelegt."

Er dankte den Lehrern, die in jener schwierigen politischen Zeit Toleranz lebten, und die sie eine Methode lehrten, die viele bis heute und in eigener Lehrtätigkeit beibehielten: Wolfgang Zöllner und Herrmann Schneider. Wegerdt resümierte mit seinen heute 68 Jahren und nach einem arbeitsreichen Leben: "Wir wurden gebraucht. Und das ist das Wichtigste im Leben."

Döbelner Allgemeine Zeitung
K.G.
06.10.2003
Fotos: DAZ


Zum gleichen Thema schrieb der "Döbelner Anzeiger":

Reifejahre in schwieriger Zeit

Für die meisten war es das erste Wiedersehen nach langer, langer Zeit: Mehr als 40 Absolventen des Abschlussjahrganges 1953 haben am Wochenende am Lessing-Gymnasium ihr Goldenes Abitur erhalten.

Die ehemaligen Pennäler waren aus allen Teilen Deutschlands nach Döbeln gekommen. Mit ihrer Schulzeit am Gymnasium - sie begann 1949 kurz vor Gründung der DDR und endete vier Jahre später in den wirren Wochen des 17. Juni 1953 - verbinden sie sehr unterschiedliche Erinnerungen. "Reifejahre in schwieriger Zeit" nennt sie der Döbelner Mediziner Dr. Christian Wolf. Er erinnerte in einer Feierstunde in der Aula des Gymnasiums an gemeinsame Chorproben, an Arbeitseinsätze und an die wachsende Ideologisierung des Unterrichts.

Schulleiterin Margrit Heinz

überreicht die Urkunden zum "Goldenen Abitur"

Nicht alle Klassenkameraden durften ihr Abitur ablegen. Einige Schüler, unter ihnen die Mitglieder der Jungen Gemeinde, mussten die Oberschule aus politischen Gründen vorzeitig verlassen. Viele Abiturienten des 53er Jahrgangs ging später in den Westen.

Mit Hermann Schneider und Wolfgang Zöllner verfolgten auch zwei frühere Lehrer die Feierstunde. Ihnen dankte Professor Christian Wegerdt aus Freiberg stellvertretend für den Mut vieler Lehrer zur Toleranz in einer schwierigen Zeit.

Döbelner Anzeiger
mi
06.10.2003
Foto: DAZ