Traditions- und Förderverein e.V.

1957 - 2007

Verblassende Buchstaben

Abiturienten des Jahrgangs 1957 feiern Wiedersehen im Lessing-Gymnasium Döbeln
Vor allem beim Gruppenfoto wurde oft gekichert. Und der eine oder andere versuchte sich zu erinnern, wer da wohl gerade neben ihm steht. Denn teilweise hatten sich die Abiturienten des Jahres 1957 ein halbes Jahrhundert nicht gesehen. Am Sonnabend feierten sie das Goldene Abitur im Lessing Gymnasium Döbeln. Eine ehemalige Absolventin bekam das Diamantene Abitur überreicht.

Der Abiturjahrgang 1957

So manch einer musste zweimal hinschauen, bevor er seinen ehemaligen Klassenkameraden erkannte. Zur Verleihung des Goldenen Abiturs am Lessing- Gymnasium Döbeln hatten sich einige 50 Jahre lang nicht gesehen. Die Erinnerung an die prägendste Zeit in ihrem Leben bleibt. Foto: Frank Heinze, EP Namyslo, Döbeln - Zum Vergrößern bitte auf das Foto klicken!

„Die Idee, das Goldene Abitur zu vergeben, hat 2003 eingeschlagen wie eine Bombe. Wir hoffen, dass diese Tradition lange erhalten bleibt“, sagte Matthias Müller, stellvertretender Schulleiter und Mitglied des Fördervereins zur Begrüßung. Fast 60 Männer und Frauen waren auf Einladung vom Traditions- und Förderverein des Lessing-Gymnasiums nach Döbeln gekommen, um von Schulleiter Bernd Lautenschläger das Goldene Abitur zu empfangen. Zum zweiten Mal wurde auch das Diamantene Abitur vergeben – an Johanna Voigt. Sie hatte das Abitur 1947 abgelegt.

Das Wiedererkennen fiel manchen nicht leicht. „Vor 50 Jahren habe ich diese Schule rank und schlank mit dem Abitur verlassen“, sagte Bernhard Thienel in seiner Dankrede scherzhaft. Von Äußerlichkeiten abgesehen, konnten sich jedoch alle an viele Einzelheiten der prägendsten Zeit in ihrem Leben erinnern – auch an gemeinsame Ernteeinsätze auf Kartoffelfeldern oder Pflichtbesuche sowjetischer Filme.

„Es waren bewegte Zeiten, in der die schulischen Bedingungen nicht einfach waren. Der Staat nahm Einfluss auf die Schule, der Aufstand von 1953 hinterließ seine Spuren“, erzählte Lautenschläger, der im Archiv Zeugnisse der Goldenen Abiturienten hervorgekramt hatte. „Das muss ein Jahrgang voller Musterschüler gewesen sein, keiner ist negativ erwähnt.“ Dafür erntete er lautes Gelächter. Lautenschläger erinnerte aber auch an heute fast vergessene Zeit-Erscheinungen. Da waren die Schiefertafeln, deren Buchstaben auf dem Weg nach Hause verwischten, Kachelöfen, die mit Kohle beheizt wurden, Lebensmittelkartenund das Problem Kleidung. Dass viele Schüler – falls sie nicht im Sommer barfuß laufen konnten – in orangefarbenen Plastikschuhen zur Schule kamen, kann die ehemaligen Abiturienten wohl erst ein halbes Jahrhundert später amüsieren.

Bernhard Thienel

ehemalige Klasse 12b2

„Und dennoch haben wir hier das nötige Wissen erworben, um zu bestehen“, sagte Thienel in seiner Dankesrede. Sichtlich gerührt dankte er auch seiner Frau Christine, die er während seiner Döbelner Schulzeit kennen lernte. „Diese Jahre haben mein ganzes Privatleben geprägt.“ Auch Peter Schmidt dankte – vor allem seinen damaligen Lehrern. „Sie haben uns für das Leben vorbereitet. Besonders wichtig für eine ganzheitliche Bildung war das Angebot neben der Schule.“ Dabei sei vor allem ein kulturelles Verständnis vermittelt worden. „Diese Schule hat uns geformt, und ich bin froh, dass wir hier zusammen gefunden haben. Es ist toll, die ehemaligen Kameraden wiederzusehen.“

 

Gerade weil sich die Goldenen Abiturienten mittlerweile in alle Himmelsrichtungen verstreut haben – sogar aus Erlangen, Regensburg und Berlin waren sie angereist – weckte der Döbeln-Besuch Erinnerungen. „Es ist toll, die Heimatstadt zu erkunden und zu sehen, wie schön sie sich nach der Flut entwickelt hat“, sagte Thienel, der regelmäßig aus Riesa nach Döbeln reist. Alle ehemaligen Abiturienten lobten die Arbeit des Traditions- und Fördervereins, der die Veranstaltung jährlich organisiert.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Lisa Garn, 08.10.2007

Der "Döbelner Anzeiger" schreibt am 2. Oktober 2006 zum gleichen Thema:

Treffen soll Tradition werden

1957 machten sie ihr Abitur. „Einige von ihnen haben sich 50 Jahre lang nicht gesehen. Das ist unglaublich. Für uns als Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln und für die Schulleitung ist es eine besondere Freude, dass dieses Goldene Abitur nun viele von ihnen wieder zusammengeführt hat“, erklärte der stellvertretende Schulleiter Matthias Müller zum Auftakt des Festveranstaltung in der Aula.

Conrad Wustlich, 12b3

Die ehemalige Klasse 12b3 hat sich das erste Mal nach 50 Jahren getroffen. Conrad Wustlich hat in monatelanger Recherche alle ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler gefunden. LGD-Foto: Matthias Müller

"Sowohl für uns als auch für sie wäre es sicher eine große Freude, wenn aus diesem Jahrgangstreffen eine feste Tradition entstehen könnte“, sagte er weiter. Für Schulleiter Bernd Lautenschläger war es diesmal nicht ganz so einfach, die Festrede vorzubereiten. „Vor solchen Treffen stöbere ich immer in den alten Klassenbüchern der jeweiligen Jahrgänge herum. Meistens findet man da genügend Episoden, die man hier vortragen kann. Aber sie scheinen ein sehr braver Jahrgang gewesen zu sein. Es gibt kaum negative Eintragungen in den Klassenbüchern“, so Lautenschläger, der dem Gelächter der Jubilare entnehmen konnte, dass diese entgegen den Klassenbuchaufzeichnungen damals wohl doch einiges auf dem Kerbholz hatten.

Nach der Ehrung der Abiturienten, zu der auch die Diamant-Jubilarin Johanna Voigt gekommen war, teilten sich die einzelnen Klassen auf verschiedene Lokalitäten in und um Döbeln auf. In Zukunft sollen noch regelmäßiger Treffen stattfinden, zumal das Großereignis am Sonnabend dazu geführt hat, dass noch mehr ehemalige Schüler ausfindig gemacht wurden, als dies je zuvor der Fall war.

Döbelner Anzeiger
Thomas Kretschmann, 08.10.2007