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26. Mai 2006
Fritz Mierau liest Arthur Pfeifer (1884 - 1976)
Dieser Freitag, der 26.05.2006, zählte nach „neudeutschem“ Sprachverständnis zu den Brückentagen, mit dessen Hilfe sich ein Wochenende verlängern lässt. Einige unserer "Stammkunden" der Vereinsabende nutzten diese Brücke, um Döbeln zu verlassen. Andere wiederum kamen über selbige Brücke an unseren Stammtisch. So unsere Vereinsfreunde Prof. Dr. Kurt Oette aus Köln und Prof. Dr. Christian Wegerdt aus Freiberg, beide ehemalige Schulkameraden unseres ebenfalls anwesenden Ehrenvorsitzenden Hermann Schneider.
Ebenso herzlich konnten wir Vertreter des Freundeskreis "Arthur Pfeifer" e.V. aus Waldheim begrüssen. So war das Kaminzimmer nach Bereitstellung zusätzlicher Plätze wohl gefüllt und alle Anwesenden erlebten einen unterhaltsamen und hochinteressanten Leseabend mit "Briefen aus Waldheim".
Es ist in diesem Rahmen nicht möglich, das ganze Leben Arthur Pfeifers zu schildern. Hier nur einige Eckdaten. 1884 in Dresden geboren, lebte er nach seiner Hochzeit ab 1908 bis zu seinem Tode im Jahre 1976 in Waldheim, 1908 wurde sein Sohn Hans und 1911 seine Tochter Irene geboren. Als studierter Pädagoge gründete er 1919 die erste Volkshochschule in Waldheim, die er bis 1933 leitete. Schwere Schikanen erlitt er in der Nazizeit. Von 1945 bis 1948 war er dann Direktor an der Grundschule in Waldheim. Ab 1948 bis 1953 wirkte er Lehrer für Kunsterziehung und Erdkunde an der Lessing-Oberschule in Döbeln, dort, wo im Jahre 1952 Fritz Mierau sein Abitur ablegte und der seit jener Zeit intensiv mit dem Leben und Wirken Arthur Pfeifers befasst ist.
Grundlage der Lesung war jedoch nicht der Lebenslauf von Arthur Pfeifer, sondern ca. 3000 Briefe, die vor wenigen Jahren in seinem Nachlass auftauchten und die er in den Jahren 1960 bis 1976 an seine ehemalige Schülerin und spätere Freundin, die Lehrerin Gertrud Schade in Leipzig geschrieben hat. Fritz Mierau, ein bekannter Slawist und Übersetzer, ein Vereinsfreund, der für sein literarisches Schaffen mehrfach ausgezeichnet wurde, hat mit seiner Frau Sieglinde den geistigen Schatz dieser Briefe in einem Buch bewahrt. Im Jahre 2004 erschien beim Kontextverlag Berlin A. Pfeifer: "Briefe aus Waldheim" 1960-1976.
Fritz Mierau sagt: "Mit Humor, Selbstironie und sächsischer Gemütsstärke sehen wir den Waldheimer Briefeschreiber gegen Dummheit, Borniertheit und Banausentum zu Felde ziehen und nennt Pfeifer einen heimlichen Philosophen. Ein kleines Beispiel aus einem der Briefe, in welchem er ein Gespräch mit einem nach Rat suchenden Junglehrer anführt: Pfeifer lehrt, gute Pädagogik sei wie das Wirken der elektromagnetischen Induktion, bei welcher die eine Spule, der Lehrer, durch Fluss seines Geistesstromes in einer zweiten Spule, der Klasse, ohne direkten Kontakt einen zweiten Strom erzeugt!
Die Schlagfertigkeit Pfeifers möge eine Episode bei seiner Einführung an der Lessing-Oberschule belegen. Als ihn der damalige Direktor Walter Pirrenz einer Klasse als neuen Lehrer vorstellt, begrüßt ihn diese laut mit dem neuen FDJ-Gruss "Freundschaft!" Pfeifer stützte nur kurz und erwiderte "Ja, das auch!"
Nach der mit großem Beifall aufgenommenen Lesung kam es zu weiteren angeregten Gesprächen zu und über Arthur Pfeifer. Hermann Schneider, einst junger Kollege von Pfeifer und Lehrer von Fritz Mierau sagte: "Pfeifer konnte alles ohne Vorbereitung unterrichten. Man musste nur ein Thema antippen, da sprudelte ein Vortrag aus ihm heraus, der die Schüler fesselte!" Diese Feststellung kann ich aus eigenem Erleben im Jahre 1952 bestätigen, als unsere 11. Klasse mit Arthur Pfeifer und Hermann Schneider in Weimar und Jena die Wirkungsstätten von Goethe und Schiller zwei Wochen lang besuchen durften!
Auch unsere Vereinsfreundin Erika Schäfer konnte mit gleicher Begeisterung über diesen großen Menschenfreund und Wissensvermittler berichten.
Interessant und eine wertvolle Bereicherung dieses Abends war auch die im Nebenraum von den Waldheimer Freundeskreis-Mitgliedern ausgestellten Sachzeugnisse über und von Arthur Pfeifer. Diese konnten, wie z.B. eine CD über eine Lesung Mierau zu Arthur Pfeifer käuflich erworben werden.
Bliebe noch zu sagen: Das Erbe von Arthur Pfeifer birgt noch viele gute Hinweise für unsere heutige Zeit. Es ist ein wahrer Schatz an Lehr-und Lebenskunst, den es zu bewahren und zu nutzen gilt!
Gerhard Heruth
27.05.2006
Zum gleichen Thema schreibt der "Döbelner Anzeiger":
Meister in der Kunst der Menschenbehandlung

Fritz Mierau
„Er war klein, sein Haar trug er als Bürste. Er hatte einen leichten Gang, trotz der schweren Aktentasche“, so beschreibt der bedeutende Slawist Fritz Mierau (72) den sächsischen Schulreformer und heimlichen Philosophen Arthur Pfeifer aus Waldheim.
Mierau war gestern Abend mit seiner Frau zu Gast beim Stammtisch des Fördervereins des Lessing-Gymnasiums. Die beiden forschen seit einigen Jahren zu Pfeifer, der inzwischen einen festen Platz in der sächsischen Geistesgeschichte eingenommen hat. 2004 veröffentlichten die Mieraus Teile der rund 3000 Briefe, die der Lehrer Arthur Pfeifer zwischen 1960 und 1976 an die Lehrerin Gertrud Schade in Leipzig schrieb.
Mieraus Interesse an Pfeifer war zunächst ein rein persönliches, denn Pfeifer war ab 1949 Lehrer an der Lessing-Oberschule und unterrichte auch den damals 15-jährigen Fritz. Der kam in den Genuss von Pfeifers „Kunst der Menschenbehandlung“, die fürs Leben prägte.
In einem seiner Briefe an Gertrud Schade beschrieb Arthur Pfeifer einst mit dem Bild der elektrischen Induktion sein Selbstverständnis von guter Pädagogik. Er verglich Schüler und Lehrer mit zwei elektrischen Spulen. Fließt durch eine Spule Strom, wird auch die andere erregt, ohne dass beide einander berühren. Ein Lehrer, so Pfeifer, müsse vom Strom der Begeisterung durchflossen sein. Liest er nur unbeteiligt aus einem Lehrbuch vor, rege sich bei den Schülern nichts. Sinn des Schulunterrichts müsse es sein, eine Vorstellung von der Schönheit des Daseins zu vermitteln – ausgehend von einem Unkraut oder einem Sandkorn.
Dass der damals bereits 65-Jährige Herr einer durchströmten Spule entsprach, bestätigten ehemalige Schüler und Lehrer gestern am Stammtisch. „Pfeifer konnte alles unterrichten. Man musste nur ein Thema antippen, da sprudelte ein Vortrag aus ihm heraus, der die Schüler fesselte“, erinnert sich Hermann Schneider, der – damals 22 Jahre alt – Pfeifers Kollege und Mieraus Lehrer war.
Arthur Pfeifer hatte aber auch – und das lässt ihn heute noch so symphatisch erscheinen – einen ganz eigenen Humor und eine Vorliebe für drastische Schilderungen. Als ihn etwa eine Schulklasse mit dem üblichen „Freundschaft“ begrüßte, schaute er sich kurz verwundert um und antwortete „Auch das.“ Und in einem Brief aus dem Jahr 1952 ist über Döbeln dies zu lesen: „Döbeln ist extrem dreckig, ein Straßendorf in West-Ost-Ausrichtung.“ Nur wenige Leute könnten sich diesen Dreck erklären – Pfeifer tat es mit der erdgeschichtlichen Entstehung der Löß-Lehmregion.
Zur Person

Arthur Pfeifer
Der Lehrer Arthur Pfeifer (1884 bis 1976) gehörte als Schulreformer und Weltbürger in der Weimarer Republik zu den Begründern der Volkshochschule in mehreren sächsischen und thüringischen Städten. Ab 1908 lebte und arbeitete er in Waldheim. 1945 bekam er den Wiederaufbau der Volkshochschule Waldheim übertragen und unterrichtete von 1949 bis 1954 an der Lessing-Oberschule Kunst und Erdkunde.
Bitte besuchen Sie auch: www.freundeskreis-arthur-pfeifer.de
Döbelner Anzeiger
Markus Tichy, 27.05.2006

