20. April 2007

Zuhörer sehen den Doktor von innen

Schon zwei Mal hatte Dr. Christian Wolf, Allgemeinmediziner im Ruhestand, die Mitglieder des Gymnasiums-Fördervereins mit schnurrigen Geschichten aus seiner langjährigen Praxis in Roßwein und Döbeln unterhalten.

 

So sieht es aus - das künstliche Hüftgelenk LGD-Foto: Matthias Müller

 

Dieses Mal ging es um den medizinischen Fortschritt der vergangenen 50 Jahre – und der ist gewaltig, versicherte Wolf. Er hatte einige „Ersatzteile“ zur besseren Anschauung mitgebracht. „Das ist aus Keramik und hält ein Leben lang“, sagte er und hielt ein künstliches Hüftgelenk in die Höhe. Wer früher einen Schenkelhalsbruch hatte, musste für ein Vierteljahr ins Streckbett. „Für ältere Leute war das oft das Todesurteil. Sie kamen nicht wieder auf die Beine oder starben an Lungenentzündung. Wer sich das heute bricht, der wird operiert und kann morgen wieder aufstehen.“

 

Im Vergleich: Röntgenaufnahmen und Computertomografie-Bilder

Wolf ließ einige alte Röntgenaufnahmen und zum Vergleich moderne Computertomogramme des eigenen Bauchraumes herumgehen. „So sehe ich von innen aus. Das kann ich sogar am Computer abspielen. Bandscheibenvorfälle waren früher nicht zu erkennen.“
Wolf erzählte von seiner Zeit als Assistenzarzt in der Chirurgie des Kreiskrankenhauses Lichtenstein. Magengeschwüre, die heute mit Medikamenten in den Griff zu bekommen sind, konnten 1959 oft nur durch Operationen geheilt werden.

 

„Von zehn Patienten starben mindestens vier. Ich wurde einmal um 3 Uhr zu einem frisch operierten Patienten mit Kreislaufzusammenbruch gerufen. Früh um 6 war er tot.“ Grund sei, was man damals noch nicht wusste, die falsche Behandlung gewesen. Statt Bluttransfusionen hätten die Patienten Infusionen von Kochsalzlösung bekommen müssen. Heute werde diese Technik routinemäßig angewendet.

Ein Rettungswesen sei damals nicht vorhanden gewesen. „Der Landarzt war auch der Notarzt. Wenn wir 1960 in Roßwein zu einem Notfall gerufen wurden, war der eher da, der das schnellste Auto hatte. Heute muss der Rettungsdienst spätestens zehn Minuten nach Alarmierung vor Ort sein.“

Tipps fürs Altwerden gab der 72-Jährige seinen Zuhörern auch mit. Der Bodymaßindex zur Beurteilung des Gewichts sei eine Frage der Auslegung. „Diejenigen, die leicht darüber liegen, werden am ältesten. Das sind die fröhlichen Typen, die das Leben lieben. Also lasst die Kirche im Dorf und findet den goldenen Mittelweg.“

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer, 21.4.2007

 

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