23. Juni 2026 Eine furiose Aufführung
Eine furiose Aufführung
Sternstunde für Döbeln - Rottenberg-Theaterprojekt hatte Premiere
Selten ruhten so viele Erwartungen auf einer Schülertheateraufführung wie in diesem Jahr. Schon die Rahmenbedingungen machten deutlich, dass das Publikum etwas Besonderes erwarten durfte: Das aktuelle Theaterprojekt war Teil des sächsischen Jahres der Jüdischen Kultur „Tacheles“ und entstand als Kooperation zwischen dem Treibhaus e. V., dem Förderverein des Lessing-Gymnasiums e. V. und der Fachstelle NS-Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung. Um es vorwegzunehmen: Sämtliche Erwartungen wurden bravourös erfüllt.
Gespielt wurde kein Stück „von der Stange“, sondern die Dramenfassung des Romans „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik“. Die historische Vorlage ist packend: 1932 kauft der Amsterdamer Unternehmer Isay Rottenberg die Deutschen Zigarrenwerke im sächsischen Döbeln. Mitten im Dritten Reich saniert er den angeschlagenen Großbetrieb mit maschinellen Produktionsmethoden. Die arische Konkurrenz schäumt. Doch solange der jüdische Unternehmer Hunderten Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Arbeit gibt, scheitern selbst eingefleischte Nazis an dem Versuch, ihn zu vertreiben. Mit Mut und Beharrlichkeit hält er bis 1935 durch.
Diese unglaubliche Geschichte kam erst im Jahr 2015 ans Licht. Ein anonymer Anruf über geraubtes jüdisches Eigentum brachte Hella und Sandra Rottenberg auf die Spur – in der Familie hatte zuvor niemand je über die Fabrik des Großvaters gesprochen. Nach einer hartnäckigen und intensiven Recherche in deutschen Archiven stießen die beiden auf einen Schatz von Dokumenten. Sie bewiesen, wie furchtlos der niederländisch-jüdische Unternehmer um den Erhalt seines Betriebs in Nazi-Deutschland gekämpft hatte.
Dass diese Recherche nun den Weg auf die Bühne fand, ist maßgeblich dem Engagement des schulischen Fördervereins zu verdanken, der das Potenzial dieses Stoffes frühzeitig erkannte und die logistischen wie finanziellen Grundlagen für die Umsetzung schuf. Janny Fuchs, Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden und ehemalige Schülerin des Lessing-Gymnasiums, schrieb auf Basis des Romans ein packendes Bühnenstück. Die Theater-AG der Schule brachte das Werk unter der Leitung von Maria Fröhlich und Luise Dreyer auf die Döbelner Bühne. Unterstützung erhielten sie von der Kunstlehrerin Anja Fischer, die die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler in Workshops an das Bühnenbild und die Kostüme heranführte.
Das Ergebnis war eine furiose Aufführung, bei der die Jugendlichen über sich hinauswuchsen. Sie brachten ein bewegendes Kapitel lokaler Geschichte auf die Bühne, das zugleich zeitlose Fragen aufwarf: Wie lässt sich die Demokratie verteidigen? Was sind die ersten Anzeichen für totalitäres Denken? Was kann man Willkür und Unrecht entgegensetzen?
Die Inszenierung beeindruckte durch eine gelungene Symbiose aus historischer Dokumentation und fiktivem Rahmen. Als erzählerische Klammer diente eine fiktive Talkshow, in der Sandra und Hella Rottenberg – glaubhaft verkörpert von Darleen Dittrich und Anna Christin Buschmann – die Geschichte ihres Großvaters rekonstruieren. Ein besonderer Clou und emotionaler Höhepunkt der Premiere: Die echten Enkelinnen Sandra und Hella wirkten zu Beginn selbst mit und übergaben ihre Identität symbolisch durch einen Schal an die Jungschauspielerinnen, was dem Stück eine ganz besondere Authentizität verlieh.
Die Talkshow-Sequenzen wurden immer wieder von Rückblenden in die 1930er-Jahre unterbrochen. So wurde eine Sitzung im kleinen Ratssaal nachgestellt, an der neben Isay Rottenberg und seinem Anwalt auch Vertreter der Stadt, der Handwerkskammer Chemnitz und der Gauleitung teilnahmen. Es wirkt bizarr, dass diese NS-Akteure den jüdischen Unternehmer gegen seine Konkurrenten verteidigten. Da der genaue Wortlaut der Äußerungen verbürgt ist und vom Ensemble fast wörtlich nachgespielt wurde, lief dem Publikum ein kalter Schauer über den Rücken: So pragmatisch und völlig unideologisch traten Nazifunktionäre als Fürsprecher auf, bloß um die Arbeitsplätze in Döbeln zu sichern.
Diese dokumentarischen Szenen verlangten den Schülern extreme Textsicherheit ab. Das fehlerfreie Stakkato an Informationen zeugte von einer enorm fleißigen Vorbereitung, die höchsten Respekt verdient. Unterbrochen wurden die dokumentarischen Passagen von stimmungsvollen Sequenzen, die den Zeitgeist der 1920er- und 1930er-Jahre spürbar machten. Das Bühnenbild setzte auf Minimalismus und subtile Botschaften: Flexibel einsetzbare Papphocker dienten als multifunktionale Requisiten, die sich blitzschnell umbauen ließen. Auf plakative Symbole wie Hakenkreuzbinden wurde komplett verzichtet. Stattdessen genügte ein rotes Accessoire – mal ein feiner Damenhandschuh, mal ein Einstecktuch –, um die Zugehörigkeit zur NS-Ideologie zu signalisieren.
Durch diesen Minimalismus wurde auch visuell deutlich, wie einsam sich Isay Rottenberg gefühlt haben muss. Die Hauptrolle wurde von Sam Jeschke gespielt, der der anspruchsvollen Figur absolut gewachsen war und auch ihre feinen Nuancen präzise herausarbeitete. Besonders berührend war die Szene, in der er sich mit seiner Frau – einfühlsam gespielt von Raluca Cojacaru – berät, ob er noch einmal nach Deutschland reisen soll.
Obwohl man weitere Einzelleistungen hervorheben könnte, muss das Fazit lauten: Die gelungene Premiere war eine geschlossene, großartige Ensembleleistung. Alle Beteiligten boten 90 Minuten lang hochspannende Unterhaltung, für die man sich nur bedanken kann. Ein besonderer Dank gilt hierbei dem Traditions- und Förderverein des Lessing-Gymnasiums, ohne dessen Einsatz, organisatorische Rückendeckung und finanzielle Förderung ein solch ambitioniertes und tiefgründiges Theaterprojekt nicht hätte realisiert werden können.
Für die Stadt Döbeln ist das Rottenberg-Theaterprojekt ein großes Geschenk. Dass es gelungen ist, ein Stück lokaler NS-Geschichte so tiefgründig und beeindruckend aufzuarbeiten, wird noch lange im Gedächtnis bleiben.
M. Höhme