27. November 2025

Die Döbelner Vogelwelt

Entwurf: A. Fischer

Dramatisches Vogelsterben im Raum Döbeln - Schülerinnen und Schüler haben vier Wochen lang die Tierwelt in ihrer Region erfasst.

Wenn man die Alten mit den ganz Jungen zusammenbringt, kann Erstaunliches herauskommen. Am Döbelner Lessing-Gymnasium haben sich die damaligen Neuntklässler in einem Unterrichtsprojekt mit der einheimischen Vogelwelt beschäftigt. Und das aus einem ganz bestimmten Grund.
In der Sammlung der Schule findet sich nämlich eine dünne Broschüre des Gymnasiallehrers Dr. Reinhold Herrmann, der in vielen Fachbereichen bewandert war. Herrmann hatte zu einem Kongress der Sächsischen Ornithologen 1927 ein Büchlein zur Vogelwelt in Döbeln, Waldheim und Roßwein herausgebracht. Neben Herrmann hatten der Döbelner Augenarzt Dr. Martin Handmann, ein Revierförster, zwei Oberlehrer aus Roßwein und ein Friedhofsverwalter in Waldheim die Vogelwelt erfasst. Das bildet die Datengrundlage für einen Vergleich mit heute. Um es vorwegzunehmen: Die Unterschiede sind beträchtlich.

Weil rund 100 Neuntklässler die Vogelwelt in der Region vier Wochen lang regelmäßig erfasst haben, seien diese Ergebnisse ziemlich repräsentativ, sagte Schulleiter Michael Höhme. Da die Schüler keine Experten sind wie die Altvorderen, haben sie moderne Technik genutzt – nämlich eine Handy-App, die per künstlicher Intelligenz Bilder und Vogelstimmen auswerten sowie Vogelarten zuordnen kann.

Eine Gruppe von Schüler hat jetzt die Ergebnisse ihrer Erhebungen in einem gut besuchten Vortrag des Traditions- und Fördervereins vorgestellt. Sie hatten Vögel in einem Gartengelände, am Waldrand, am Feldrand und auf einer Wiese beobachtet. Häufig waren es in vielen Fällen Vogelarten wie Sperling, Kohl- und Blaumeise, Rotschwanz und Amsel. Aber viele Vogelarten von 1927 sind gar nicht mehr gesichtet worden.

Schon Reinhold Herrmann hatte festgestellt, dass es so viele Vogelarten in der Region gar nicht gibt, sagte Höhme. Er habe das auf die geringe Ausdehnung des Beobachtungsgebiets und das Fehlen großer Gewässer zurückgeführt, die die Artenvielfalt erhöhen würden. Modern wirke eine andere Feststellung des Lehrers. „Er stellte einen Zusammenhang mit der intensiv betriebenen Landwirtschaft und damit zurückgehender Biodiversität fest. Dies habe eine Kultursteppe hervorgebracht. Das scheint damals schon ein Thema gewesen zu sein.“

Für den Eisvogel stellte Herrmann fest, dass dessen Bestand durch die Verschmutzung der Flüsse durch Zellstofffabriken und den zurückgehenden Fischbestand damals schon merklich reduziert wurde. „Die ökologische Einordnung des Altmeisters kommt modern daher“, so Höhme.

Was ist denn nun das Ergebnis der vergleichenden Untersuchung? Hatten die Hobby-Ornithologen vor 100 Jahren noch 150 Vogelarten aufgelistet, so haben die Döbelner Schüler heute nur noch 107 Vogelarten festgestellt. Besonders auffällig sei der Rückgang um rund 50 Prozent bei den damals häufigen Vogelarten, sagte Höhme. Von 53 Vogelarten, die die Hobbyornithologen vor 100 Jahren noch häufig beobachten, haben die Schüler heute nur noch 21 gefunden: Neuntöter, Fliegenschnäpper, Haubenlerche und viele andere Arten wurden nicht gesichtet.

Verschwunden ist auch die Uferschwalbe, die 1927 noch als Durchzügler gesichtet wurde. In Döbeln habe es einmal eine große Kolonie am Steilufer der Mulde in der Nähe des Arbeitsamtes an der Burgstraße gegeben, sagte Höhme. Bei den eher seltenen Arten sei der Schwund nicht ganz so dramatisch. Statt 94 Vogelarten vor 100 Jahren hatten die Schüler heute noch 86 Arten festgestellt. Auffällig sei der starke Rückgang bei den Hühnervögeln. Das Rebhuhn sei fast ausgerottet, so Höhme. „Die landwirtschaftliche Intensivierung zerstört die Lebensräume.“

Elf Schülerinnen und Schüler der aktuellen Jahrgangsstufe 10 referierten die Ergebnisse des ornithologischen Projekts, das im vergangenen Schuljahr durchgeführt wurde.

Elf Schülerinnen und Schüler der aktuellen Jahrgangsstufe 10 referierten die Ergebnisse des ornithologischen Projekts, das im vergangenen Schuljahr durchgeführt wurde.
In Deutschland liege der Anteil der Brachflächen nur noch bei 2,6 Prozent. In der DDR habe der Anteil noch bei 20 Prozent gelegen, so Höhme. „Wir lassen den Vögeln zu wenig Raum. Sie haben fast keine Chance.“ Selbst Blühstreifen an den Feldern seien oft keine Lösung. „Der Fuchs findet dort die Rebhühner mit Leichtigkeit.“

Eine andere Ursache sei der drastische Rückgang der Insektenpopulation. Nach der Krefelder Studie sei in 27 Jahren die Menge an Insekten um 76 Prozent zurückgegangen, sagte Höhme. Gründe seien unter anderem der intensive Einsatz von Insektiziden und chemischen Dünger. „Die Vögel stellen sich darauf ein, dass es nicht mehr so viel Futter gibt.“ Höhme zeigte ein Foto aus seinem Nistkasten mit Webcam. Zu sehen waren zwei junge Meisen kurz vorm Ausfliegen. Eigentlich würden Meisen bis zu zwölf Eier ins Nest legen.

Andere Gründe seien Verstädterung, Lärm und Vertreibung durch den Menschen, Klimawandel und Extremwetterereignisse. Höhmes Fazit: „Man kann pessimistisch auf das Problem schauen. Aber viele Vögel sind noch da. Es gibt eine Grundsubstanz, die man wieder nach oben bringen kann.“ Die Zerstörung von Lebensräumen hat allerdings auch Tradition. Herrmann hatte noch viele Wasservögel in der Flussschleife zwischen Kleinbauchlitz und Keuern beobachtet. In den 1930er-Jahren war die Mulde aber aus Gründen des Hochwasserschutzes verlegt worden. „Heute ist dort ein Maisfeld“, sagte Höhme.

Der Umgang mit der Vogelwelt durch die Ornithologen war damals robust. Dr. Handmann sei dafür bekannt gewesen, dass er tote Vögel kaufte, um sie seiner Sammlung zuzuführen, erzählte Höhme. Es wurden auch Vögel erlegt, um sie auszustopfen. Auch mal einen Schwarzstorch, der heute streng geschützt ist. Das Gymnasium hatte eine große Sammlung von Vogelpräparaten. Diese waren allerdings mit giftigen Chemikalien behandelt. „Sie hätten in luftdicht abgeschlossenen Vitrinen untergebracht werden müssen. Die Sammlung ist deshalb fast gänzlich abhandengekommen.“

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
29.11.2025

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Lesen Sie unseren Artikel "Döbeln und seine Vogelwelt", der unser ornithologisches Projekt genauer vorstellt.

Viele Vögel sind schon weg - die Vogelwelt Döbelns gestern und heute