25.02. Schüler erwecken Geschichte zum Leben
Die dramatische Geschichte von Isay Rottenberg und seiner Zigarrenfabrik in Döbeln wird bei einem Theaterprojekt auf die Bühne gebracht.
Als die Cousinen Hella und Sandra Rottenberg vor gut zehn Jahren beim Döbelner Stadtarchiv anfragten, ob dort Unterlagen zu Isay Rottenberg liegen, wussten sie noch nicht, was für ein spannendes Stück Zeitgeschichte sich hinter dem Schicksal ihres Großvaters verbarg.
Der hatte seit 1932 eine Zigarrenfabrik an der Industriestraße besessen und wenige Jahre später an die Deutsche Bank verloren, nachdem er ein halbes Jahr lang in Untersuchungshaft gesessen hatte. Rottenberg war Niederländer und Jude. Und sein Schicksal war im Geschichtsbewusstsein der Döbelner völlig untergegangen – wahrscheinlich auch deshalb, weil Rottenbergs Ringen um seine Fabrik nicht in der Öffentlichkeit geführt wurde.
Die beiden Cousinen waren erst durch einen Zeitungsbeitrag zum Entschädigungsprogramm für verloren gegangenen jüdischen Besitz auf die Deutsche Zigarrenwerke AG ihres Großvaters gestoßen. Sie hatten es schwer, in Döbeln eine Spur ihres Großvaters zu finden. Die Döbelner Archivarin hatte nichts über die Zigarrenwerke, erzählte Hella Rottenberg (70). Erst, als sie auf den Namen Krenter stießen, den ursprünglichen Gründer der Zigarrenfabrik, wendete sich das Blatt. „Die Unterlagen waren unter Krenter-Werke archiviert, elf dicke Mappen.“
Die Cousinen haben ein Buch geschrieben. 2017 erschien „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik“ auf Niederländisch. Erst 2024 erschien die deutsche Übersetzung. „Es war schwierig, einen Verlag zu finden“, sagte Hella Rottenberg. Und jetzt ist aus dem Buch sogar ein Theaterstück geworden.
Die beiden Cousinen saßen am Dienstag in einer Runde mit Schülern des Döbelner Lessing-Gymnasiums im ehemaligen Schafstall des Gutes Gödelitz beim Probenauftakt. Zwei Stunden lang trugen die jungen Leute Gedanken zum Stück zusammen, unter anderem mit der Frage, warum niemand Isay Rottenberg geholfen hat. Die Cousinen haben dafür eine Erklärung. Die Geschehnisse damals seien nicht nach außen gedrungen. Als die SA die Fabrik 1933 kurzzeitig besetzte, hätten die Mitarbeiter Isay Rottenberg verteidigt. Als er angezeigt wurde, hatten Mitarbeiter Briefe an die Behörden geschrieben. „Er war ein anständiger Mann, der gute Löhne zahlte. Es war wichtig, dass er Direktor bleibt“, sagte Hella Rottenberg.
Die Dramaturgin Janny Fuchs, die aus Döbeln stammt, hat aus dem Buch der Cousinen ein Theaterstück gemacht. Verschiedene Episoden mit Dialogen reihen sich aneinander. Sie gehen auch auf die Geschichte der Stadt ein, stellen Samuel Krenters vollautomatisierte Zigarrenfabrik vor und beschreiben das Maschinenverbot der Nazis für die Zigarrenfabrik.
Hella und Sandra Rottenberg treten im Stück in einer imaginären Talkshow auf, um ihre Geschichte zu erzählen. Und es wird auf den Kampf eingegangen, den Isay Rottenberg bis 1938 vor Gerichten führte, um seine Zigarrenfabrik wiederzubekommen. „Er muss zur Pogromnacht in Dresden gewesen sein“, sagte Sandra Rottenberg.
Das Lessing-Gymnasium arbeitet für das Theaterprojekt mit dem Verein Treibhaus zusammen, der dafür Geld von der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen erhält. „Es ist für uns eine Ehre, bei Tacheles dabei zu sein“, sagte Maria Fröhlich, Lehrerin am Lessing-Gymnasium, die mit zwei Kolleginnen die jungen Leute anleitet. „Tacheles“ heißt das Jahr zur jüdischen Kultur in Sachsen.
An den Proben zum Theaterstück sind 21 junge Leute der 8. bis 12. Klasse des Lessing-Gymnasiums beteiligt. Sie übernehmen eine Vielzahl von Rollen. Neben Isay Rottenberg und seiner Frau auch die von Salomon Krenter, Bürgermeister Theodor Kunzemann, Fritz Saupe, NSDAP-Mitglied und Vorsitzender des Stadtrats. Auch der NSDAP-Kreisleiter Hermann Groine war seinerzeit in die Verhandlungen um die Zigarrenfabrik eingebunden. Die Stadt hatte ein Interesse, die Fabrik mit rund 700 Arbeitsplätzen in der Zeit der Weltwirtschaftskrise zu erhalten.
Im vergangenen Jahr hatte die Theatertruppe Shakespeares Sommernachtstraum einstudiert. Dass es dieses Mal ein Theaterstück mit einem regionalen Thema ist, sei etwas ganz Besonderes, sagte Lehrerin Luise Dreyer, die die Proben mit leitet. Am Dienstag und Mittwoch stehen intensive Proben im Gut Gödelitz auf dem Programm. Ende Juni soll das Stück dann im großen Saal des Theaters aufgeführt werden. Neben der Generalprobe sind noch zwei Aufführungen vorgesehen. Auch die beiden Autorinnen Hella und Sandra Rottenberg werden wahrscheinlich in kleinen Rollen zu sehen sein.
Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
25.02.2026
Döbelner Gymnasiasten bringen dunkle Regionalgeschichte auf große Bühne
Nie wieder ist jetzt: Mit einem Theaterstück erinnert die Theater-AG an Isay Rottenbergs Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Enkelinnen der Hauptfigur sind im Theaterlager dabei.
An einem besonders spannenden Projekt arbeiten in diesem Schuljahr die älteren Schülerinnen und Schüler der Theater-AG des Lessing-Gymnasums Döbeln. Nachdem sie im vergangenen Jahr den Shakespeare-Klassiker „Ein Sommernachtstraum“ auf die kleine Bühne des Döbelner Theater gebracht hatten, ist es jetzt eine Uraufführung, die im Juni dieses Jahres die große Bühne bekommt: Mit „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik - Wie ein niederländisch-jüdischer Unternehmer in Sachsen den Nazis die Stirn bot“ betreten nicht nur die Acht- bis Zwölftklässler neues Terrain, sondern auch die beiden LGD-Lehrerinnen Maria Fröhlich und Luise Dreyer, die die AG leiten.
„Für uns ist es eine große Ehre, an so einem Projekt teilnehmen zu dürfen“, sagt Maria Fröhlich. Die Französisch- und Englisch-Lehrerin hält seit drei Jahren die Fäden in der Theater-AG zusammen. Wie es zu dem Projekt gekommen ist, das von der Kulturstiftung Sachsen gefördert wird? Ganz am Anfang stand das Buch der beiden Enkelinnen von Isay Rottenberg, jüdischer Unternehmer aus Amsterdam.
Die Cousinen Hella und Sandra Rottenberg stießen durch einen Zufall auf den ihnen bisher unbekannten Teil ihrer Familiengeschichte, recherchierten und schrieben sie auf: Ihr Großvater kaufte 1932 im sächsischen Döbeln die Deutschen Zigarren-Werke, sanierte den wirtschaftlich angeschlagenen Großbetrieb mitten im Dritten Reich. Mit Mut und Beharrlichkeit hielt Rottenberg noch einige Jahre durch, wehrte sich gegen Verfolgung, Enteignung und politische Willkür im Nationalsozialismus.
Der Döbelner Treibhaus-Verein hat auf Grundlage des Buches ein Theaterprojekt initiiert, um ein spannendes Stück Döbelner Zeitgeschichte erlebbar zu machen. Stephan Conrad von der AG Geschichte des Vereins erinnert sich daran, wann wohl die erste Idee dazu aufkam. Als die beiden Enkelinnen im Laufe ihrer Recherchen die Protokolle der Sitzung vom 22. Februar 1934 entdeckten, in der über die Frage der Umstellung von Maschinen auf Handarbeit in Rottenbergs Zigarrenfabrik gestritten wurde, dachten sie: „Mensch, das liest sich wie ein Theaterstück“. Jetzt, einige Jahre später und im Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen „Tacheles“, wird das Theaterprojekt lokale Geschichte sichtbar machen.
Janny Fuchs, die aus Döbeln stammende Dramaturgin am Staatstheater Dresden, hat auf Grundlage des Buches ein Skript mit dem Fokus auf Jugendtheater erstellt. Denn an junge Erwachsene richtet sich das Projekt mit Workshops zu Dramaturgie, Bühnenbild und Kostüm, während derer sich die Jugendlichen intensiv mit NS-Vergangenheit, jüdischem Leben und Erinnerungskultur vor Ort auseinandersetzen sollen und können.
Die Idee, dass die Theater-AG des Lessing-Gymnasiums diese Reise ins Döbeln des 19. Jahrhundert unternehmen und auf die Bühne bringen soll, war schnell gefunden, die Bereitschaft groß. Auch wenn sie diesmal kein Mitspracherecht bei der Wahl des Stückes hatten wie sonst, finden Isabelle Müller und Anni Langer das Projekt gut. Die beiden Zehntklässlerinnen gehören zu den 21 jungen Menschen der Theater-AG. „Es ist cool, dass der Inhalt diesmal etwas ist, das hier in Döbeln stattgefunden hat.“ Das Stück rückt ins Bewusstsein, dass Nationalsozialismus, Verfolgung, Enteignung und politische Willkür nicht nur in den großen Städten, sondern eben auch in den kleinen wie ihrer Heimatstadt Döbeln Alltag gewesen sind.
So wie das Stück, ist auch das Theaterlager, das jedes Schuljahr auf Gut Gödelitz zum intensiven Proben genutzt wird, etwas Besonderes. Nicht nur die Theater-AG, auch die Cousinen Sandra und Hella Rottenberg und damit reale Protagonisten der Geschichte sind diesmal vor Ort. Gern wollen beide eine kleine Rolle übernehmen, auf jeden Fall werden sie mit ihren Familien bei der Aufführung dabei sein.
„Hier arbeiten verschiedene Generationen zusammen, und uns eint das gleiche Anliegen“, beschreibt Maria Fröhlich eine der Besonderheiten des diesjährigen Stücks. Es geht darum, die Wiederholbarkeit von Geschichte vor Augen zu führen. Eine Geschichte gegen das Vergessen zu erzählen, gegen Antisemitismus, gegen Hass und gegen Rassismus.
Nie wieder ist jetzt - vermittelt das Stück, dessen Szenen sich die Jugendlichen im Theaterlager in kleinen Gruppen miteinander erarbeiten. Sie sollen das Stück, das sich der Thematik bewusst jugendlich nähert, zu ihrem Stück machen. Viel Arbeit liegt vor der AG, die sich jeden Donnerstag zu den Proben trifft. „Es werden diesmal sicher noch einige Zusatzproben dazu kommen“, sagt Luisa Dreyer. Spannende Zeiten warten - das etwa anderthalbstündige Stück soll dreimal aufgeführt werden, wahrscheinlich in der Woche vom 22. Juni, und nicht nur für Schule und Angehörige, sondern auch für die Öffentlichkeit. Die genauen Termine müssen noch mit dem Theater abgesprochen werden.
Nicht nur die Mitglieder der Theater-AG können Teil des Projektes werden. In dessen Rahmen gibt es noch drei Workshops. Janny Fuchs wird einen Dramaturgie-Workshop anbieten (Termin wird noch bekannt gegeben). In einem Modedesign- und Kostümworkshop im Cafe Courage am 28. und 29. März wird LGD-Kunstlehrerin Anja Fischer mit den Teilnehmenden an der Ausstattung des Stücks arbeiten, gleiches gilt für ihren Bühnenbild-Workshop am 19. April. Eine extra Theaterführung „Blick hinter die Kulissen“ mit Berno Ploß am 7. Mai gehört ebenfalls zum Projekt. Interessenten sollten mindestens 13 Jahre alt sein und können sich per Mail an ag-geschichte@treibhaus-doebeln.de wenden.
Döbelner Allgemeine Zeitung
Manuela Engelmann-Bunk
25.02.2026



