22.01. Geschichte inspiriert Theaterstück
Der jüdische Geschäftsmann Isay Rottenberg war in Döbeln Direktor der „Deutschen Zigarrenfabrik“. Schüler bringen die Geschichte auf die Bühne.
Isay Rottenberg hat ein spannendes Stück Zeitgeschichte in Döbeln geschrieben. Trotzdem ist der Unternehmer aus Amsterdam in der Muldenstadt weitgehend unbekannt gewesen. Bis seine Enkelinnen Hella und Sandra Rottenberg auf die Spuren ihres Großvaters gingen. Lange war auch ihnen unbekannt, dass der Großvater eine Fabrik in Döbeln besaß, die er in der Zeit des Dritten Reiches verlor. Die beiden hatten ihre Recherchen vor zwei Jahren als Buch herausgebracht: „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik“ erzählt die Geschichte des Unternehmers.
1932, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, hatte Rottenberg in Döbeln die insolvente Zigarrenfabrik Krenter übernommen. Die stellte Zigarren her, wie andere Fabriken in Döbeln – allerdings mit modernen Maschinen aus Amerika viel schneller und effektiver als die allgegenwärtigen Manufakturen. Die „Deutsche Zigarrenfabrik“ war mit 700 Mitarbeitern in der Zeit der Weltwirtschaftskrise einer der größten Arbeitgeber der Stadt.
Dem stand allerdings eine Verordnung der neuen Machthaber entgegen. Diese verboten die mechanisierte Herstellung von Zigarren, um die Leute in den Zigarrenmanufakturen in Arbeit zu bringen. Die Döbelner Konkurrenz beschwerte sich über Rottenberg. Und der war angreifbar: Der Niederländer war Jude. Rottenberg verlor 1935 seine Anteile an der Fabrik an die Deutsche Bank, die Ansprüche gegen ihn anmeldete. Rottenberg war zeitweise sogar in Haft, versuchte aber noch bis 1938, vor Gericht seine Zigarrenfabrik zurückzubekommen.
Die Stadt hatte ein Interesse daran, die Fabrik zu erhalten. Im Döbelner Archiv haben sich Protokolle der Verhandlungen des Bürgermeisters und des NSDAP-Kreisleiters mit Rottenberg erhalten, sagte Stephan Conrad von der AG Geschichte des Vereins Treibhaus. „Die Protokolle lesen sich wie ein Theaterstück“, sagte er. Das sei die Initialzündung gewesen, wirklich eines daraus zu machen. Bis zum Sommer soll das Projekt verwirklicht werden.
Mit Geld von der Kulturstiftung Sachsen soll das Projekt umgesetzt werden. Janny Fuchs, Dramaturgin am Staatstheater Dresden, stammt aus Döbeln und hat den historischen Stoff zu einem Theaterstück gemacht. „Das ist keine historisch akkurate Inszenierung, sondern begibt sich auf eine Art Zeitreise“, verrät Conrad. Treibhaus kooperiert dabei mit der Theatergruppe des Lessing-Gymnasiums, die jedes Jahr ein Stück aufführt. Mit Proben, Workshops und einem Theatercamp sollen die jungen Leute Text, Spiel, Bühnenbild und Kostüme selbst entwickeln. Das, was dabei entsteht, wird im Juni im Theater gezeigt.
Im Februar ist ein Theatercamp im Gut Gödelitz geplant. Dort wird die Theatergruppe des Lessing-Gymnasiums mit Janny Fuchs proben. Geplant ist auch ein Dramaturgie-Workshop „Von der Idee zum eigenen Stück“. Als Gäste werden Hella und Sandra Rottenberg dabei sein, sagte Conrad. Bei der Gelegenheit werden die Cousinen am 24. Februar im Café Courage aus ihrem Buch lesen. Eine frühere Lesung in der Stadtbibliothek war auf riesiges Interesse bei den Döbelnern gestoßen.
Um die Theaterinszenierung webt Treibhaus noch ein Netz von Workshops und Veranstaltungen. Am 29. Januar gibt es einen Social-Media-Workshop „Digital Geschichten erzählen“ im Lessing-Gymnasium. Für den 31. Januar sind ein Workshop und ein historischer Stadtrundgang zum jüdischen Leben in Döbeln geplant.
Um Modedesign und Kostüme geht es bei einem Workshop am 28. und 29. März im Café Courage. Die Ergebnisse sollen in das Theaterstück einfließen. Schließlich ist noch ein Bühnenbild-Workshop für den 19. April vorgesehen, bei dem Bühnenbilder aus Recycling-Materialien hergestellt werden.
Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
23.01.2026
Döbelner Geschichte auf der Bühne
Ein Theaterprojekt verbindet lokale NS-Geschichte, Erinnerungskultur und Jugendbeteiligung. Die Aufführung des Stückes im Theater Döbeln ist im Juni.
Mit dem Theaterprojekt „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik – Eine Döbelner Geschichte“ soll in diesem Jahr ein Teil der Döbelner Stadtgeschichte künstlerisch aufgearbeitet und für ein breites Publikum erfahrbar gemacht werden. Im Mittelpunkt steht der niederländisch-jüdische Unternehmer Isay Rottenberg, der 1932 eine Zigarrenfabrik in Döbeln übernahm und wenige Jahre später Opfer antisemitischer Verfolgung, Enteignung und Haft wurde. An dem Theaterprojekt wirken unter anderem der Treibhaus-Verein Döbeln und der Förderverein des Lessing-Gymnasiums Döbeln mit.
Gemeinsam mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen entsteht ein Theaterstück, das historische Recherche, Familienerinnerungen und künstlerische Praxis miteinander verbindet. Grundlage dafür sind Archivfunde aus Döbeln, das Buch der Enkelinnen Hella und Sandra Rottenberg sowie persönliche Begegnungen mit ihnen. Die Teilnehmenden werden sich intensiv mit jüdischem Leben vor Ort, der NS-Vergangenheit und Fragen heutiger Erinnerungskultur auseinandersetzen.
Das Projekt ist als offener, partizipativer Prozess angelegt: In Proben, Workshops und einem Theatercamp entwickeln die Teilnehmenden auf Grundlage der Dramaturgie von Janny Fuchs Text, Spiel, Bühnenbild und Kostüme selbst. Ziel ist eine eigenständige Inszenierung, die Geschichte nicht nur erzählt, sondern erlebbar macht. Die im Juni dieses Jahres geplante Uraufführung im Theater Döbeln soll den Höhepunkt des Projekts bilden. Beteiligt an der Umsetzung sind neben den Schauspielerinnen und Schauspielern die Engagierten der Arbeitsgemeinschaft Geschichte des Treibhaus-Vereins Döbeln, Lehrkräfte des Lessing-Gymnasiums Döbeln, Künstlerinnen und Kunstpädagoginnen, die Dramaturgin und Theaterpädagogin Janny Fuchs sowie die Enkelinnen von Isay Rottenberg, Hella und Sandra Rottenberg.
Die Umsetzung des Projektes erfolgt im Rahmen des Jahres der Jüdischen Kultur in Sachsen „Tacheles“. Die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen fördert das Ganze. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt des Treibhaus-Vereins Döbeln, des Fördervereins des Lessing-Gymnasiums Döbeln und der Fachstelle NS-Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung der sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Letztere hat in Leipzig ihren Sitz und bietet sachsenweit Veranstaltungen an.
Döbelner Allgemeine Zeitung
Olaf Büchel
21.01.2026