23.06. Eine furiose Aufführung

Sternstunde für Döbeln - Rottenberg-Theaterprojekt hatte Premiere

Selten ruhten so viele Erwartungen auf einer Schülertheateraufführung wie in diesem Jahr. Schon die Rahmenbedingungen machten deutlich, dass das Publikum etwas Besonderes erwarten durfte: Das aktuelle Theaterprojekt war Teil des sächsischen Jahres der Jüdischen Kultur „Tacheles“ und entstand als Kooperation zwischen dem Treibhaus e. V., dem Förderverein des Lessing-Gymnasiums e. V. und der Fachstelle NS-Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung. Um es vorwegzunehmen: Sämtliche Erwartungen wurden bravourös erfüllt.

Das Theaterstück "Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik" begeisterte das Publikum. Quelle: Annika Mitte

Gespielt wurde kein Stück „von der Stange“, sondern die Dramenfassung des Romans „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik“. Die historische Vorlage ist packend: 1932 kauft der Amsterdamer Unternehmer Isay Rottenberg die Deutschen Zigarrenwerke im sächsischen Döbeln. Mitten im Dritten Reich saniert er den angeschlagenen Großbetrieb mit maschinellen Produktionsmethoden. Die arische Konkurrenz schäumt. Doch solange der jüdische Unternehmer Hunderten Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Arbeit gibt, scheitern selbst eingefleischte Nazis an dem Versuch, ihn zu vertreiben. Mit Mut und Beharrlichkeit hält er bis 1935 durch.

Diese unglaubliche Geschichte kam erst im Jahr 2015 ans Licht. Ein anonymer Anruf über geraubtes jüdisches Eigentum brachte Hella und Sandra Rottenberg auf die Spur – in der Familie hatte zuvor niemand je über die Fabrik des Großvaters gesprochen. Nach einer hartnäckigen und intensiven Recherche in deutschen Archiven stießen die beiden auf einen Schatz von Dokumenten. Sie bewiesen, wie furchtlos der niederländisch-jüdische Unternehmer um den Erhalt seines Betriebs in Nazi-Deutschland gekämpft hatte.

Berührende Momente: Sandra und Hella, die Enkelinnen Isay Rottenbergs, traten gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auf der Bühne auf. Quelle: Annika Mitte

Janny Fuchs, Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden und ehemalige Schülerin des Lessing-Gymnasiums, schrieb auf Basis des Romans ein Bühnenstück. Die Theater-AG der Schule brachte das Werk unter der Leitung von Maria Fröhlich und Luise Dreyer auf die Döbelner Bühne. Unterstützung erhielten sie von der Kunstlehrerin Anja Fischer, die die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler in Workshops an das Bühnenbild und die Kostüme heranführte.

Das Ergebnis war eine furiose Aufführung, bei der die Jugendlichen über sich hinauswuchsen. Sie brachten ein bewegendes Kapitel lokaler Geschichte auf die Bühne, das zugleich zeitlose Fragen aufwarf:
Wie lässt sich die Demokratie verteidigen?
Was sind die ersten Anzeichen für totalitäres Denken?
Was kann man Willkür und Unrecht entgegensetzen?

Das Stück überzeugte durch eine gelunge Kombination aus historischer Recherche und künstlerischer Gestaltung. Quelle: Annika Mitte

Die Inszenierung beeindruckte durch eine gelungene Symbiose aus historischer Dokumentation und fiktivem Rahmen. Als erzählerische Klammer diente eine fiktive Talkshow, in der Sandra und Hella Rottenberg – glaubhaft verkörpert von Darleen Dittrich und Anna Christin Buschmann – die Geschichte ihres Großvaters rekonstruieren. Ein besonderer Clou und emotionaler Höhepunkt der Premiere: Die echten Enkelinnen Sandra und Hella wirkten zu Beginn selbst mit und übergaben ihre Identität symbolisch durch einen Schal an die Jungschauspielerinnen, was dem Stück eine ganz besondere Authentizität verlieh.

Die Talkshow-Sequenzen wurden immer wieder von Rückblenden in die 1930er-Jahre unterbrochen. So wurde eine Sitzung im kleinen Ratssaal nachgestellt, an der neben Isay Rottenberg und seinem Anwalt auch Vertreter der Stadt, der Handwerkskammer Chemnitz und der Gauleitung teilnahmen. Es wirkt bizarr, dass diese NS-Akteure den jüdischen Unternehmer gegen seine Konkurrenten verteidigten. Da der genaue Wortlaut der Äußerungen verbürgt ist und vom Ensemble fast wörtlich nachgespielt wurde, lief dem Publikum ein kalter Schauer über den Rücken: So pragmatisch und völlig unideologisch traten Nazifunktionäre als Fürsprecher auf, bloß um die Arbeitsplätze in Döbeln zu sichern.

Diese dokumentarischen Szenen verlangten den Schülern extreme Textsicherheit ab. Das fehlerfreie Stakkato an Informationen zeugte von einer enorm fleißigen Vorbereitung, die höchsten Respekt verdient.

Sandra und Hella Rottenberg gemeinsam mit Janny Fuchs, die den Roman effektvoll für die Bühne bearbeitete. Quelle: Annika Mitte

Unterbrochen wurden die dokumentarischen Passagen von stimmungsvollen Sequenzen, die den Zeitgeist der 1920er- und 1930er-Jahre spürbar machten. Das Bühnenbild setzte auf Minimalismus und subtile Botschaften: Flexibel einsetzbare Papphocker dienten als multifunktionale Requisiten, die sich blitzschnell umbauen ließ. Auf plakative Symbole wie Hakenkreuzbinden wurde komplett verzichtet. Stattdessen genügte ein rotes Accessoire – mal ein feiner Damenhandschuh, mal ein Einstecktuch –, um die Zugehörigkeit zur NS-Ideologie zu signalisieren.

Durch diesen Minimalismus wurde auch visuell deutlich, wie einsam sich Isay Rottenberg gefühlt haben muss. Die Hauptrolle wurde von Sam Jeschke gespielt, der der anspruchsvollen Figur absolut gewachsen war und auch ihre feinen Nuancen präzise herausarbeitete. Besonders berührend war die Szene, in der er sich mit seiner Frau – einfühlsam gespielt von Raluca Cojacaru – berät, ob er noch einmal nach Deutschland reisen soll.

Obwohl man weitere Einzelleistungen hervorheben könnte, muss das Fazit lauten: Die gelungene Premiere war eine geschlossene, großartige Ensembleleistung. Alle Beteiligten boten 90 Minuten lang hochspannende Unterhaltung, für die man sich nur bedanken kann.

Für die Stadt Döbeln ist das Rottenberg-Theaterprojekt ein großes Geschenk. Dass es gelungen ist, ein Stück lokaler NS-Geschichte so tiefgründig und beeindruckend aufzuarbeiten, wird noch lange im Gedächtnis bleiben.

M. Höhme


Neugierig geworden? Besuchen Sie unsere Fotostrecke zum Theaterprojekt (Fotos: Annika Mitte).

Döbelner Geschichte wird lebendig

Beeindruckende Premiere mit Döbelner Theater-AG: Volles Haus bei „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik“

Der Applaus nahm kein Ende, die Danksagungen auch nicht: Am Dienstagabend feierte „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik“ auf der großen Bühne des Döbelner Theaters Premiere. Die Darsteller: 21 Schülerinnen und Schüler des Döbelner Lessing-Gymnasiums, die als Teil der Theater-AG in den zurückliegenden Monaten nicht einfach nur ein Stück einstudiert haben.

Was in 90 beeindruckenden Minuten auf der Bühne zu erleben war, ist das Ergebnis vieler Stunden Proben und Workshoparbeit sowie intensiver Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Ereignisse während der Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Heimatstadt Döbeln. Im Publikum: Eltern und Freunde, Lehrer und auch Döbelns Oberbürgermeister Sven Liebhauser.

Anna Christin Buschmann als Sandra Rottenberg, Sam Jeschke als Isay Rottenberg und Darleen Dittrich als Hella Rottenberg (v.l.) bei der Premiere von "Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik" im Döbelner Theater. Foto: Annika Mitte

Der niederländische Jude Isay Rottenberg hatte 1932, während der Weltwirtschaftskrise, im sächsischen Döbeln die Deutschen Zigarren-Werke gekauft, den wirtschaftlich angeschlagenen Großbetrieb mitten im Dritten Reich saniert. Seine Enkelinnen Hella und Sandra Rottenberg waren erst 2014 auf diesen Teil ihrer Familiengeschichte gestoßen und schrieben das Buch „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik – Wie ein niederländisch-jüdischer Unternehmer in Sachsen den Nazis die Stirn bot“. Bei der Premiere standen sie mit auf der Bühne, bevor sie ihre Rollen an zwei Schülerinnen übergaben.

Janny Fuchs, Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden, stammt aus Döbeln und hat auf der Grundlage des Buches der beiden Rottenberg-Enkelinnen ein junges Stück geschrieben, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. Trotz Ernsthaftigkeit im Umgang mit einem beängstigenden Thema kommt es ohne erhobenen Zeigefinger aus und ist unterhaltsam.

Die Botschaft ist klar und wird am Ende noch einmal deutlich formuliert: Wir haben eine Demokratie, wir haben Menschenrechte. Ausruhen darauf können wir uns nicht. „Sie können die besten Grundgesetze machen – was sie brauchen, sind die richtigen Menschen, die diese Dinge leben“, ertönt es vielstimmig, bevor es das letzte Mal still wird auf der Bühne.

Es ist nicht der einzige Moment, bei dem die Besucher im nahezu ausverkauften Döbelner Theater eine Gänsehaut überkommt – trotz an diesem Abend schweißtreibender Temperaturen. Etwa 90 Minuten erzählen die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler am Beispiel Rottenbergs eine Geschichte von Nationalsozialismus, Verfolgung, Enteignung und politischer Willkür. Eine, die nicht einfach nur auf wahren Begebenheiten beruht, sondern wahr ist und in ihrer Heimatstadt stattgefunden hat. Eine, die zeigt, wie Ausgrenzung entsteht und dass sie überall, auch in Döbeln Alltag gewesen ist.

Das Theaterprojekt ist Teil des Jahres der Jüdischen Kultur in Sachsen „Tacheles“ und wurde initiiert und begleitet vom Döbelner Treibhausverein, dem Förderverein des Lessing-Gymnasiums Döbeln und der Fachstelle NS Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung der sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Mit Leben gefüllt und in Bilder transportiert, die an eine Profi-Inszenierung erinnern, haben die Geschichte Schülerinnen und Schüler.

Unter Anleitung der LGD-Lehrerinnen Maria Fröhlich und Luise Dreyer, die die Theater-AG leiten, sowie Anja Fischer, die die gesamte Ausstattung verantwortet hat, ist ein in jeder Beziehung beachtliches Gesamt(kunst)werk entstanden. Die Acht- bis ZwölftklässlerInnen haben nicht nur eine große Menge an Text gelernt und sich eingehend mit deutscher und Döbelner Geschichte beschäftigt. Auch Bühnenbild und Kostüme haben sie sich unter Anleitung erarbeitet und in großen Teilen selbst genäht.

Die letzte von vier Vorstellungen findet am Donnerstag um 10 Uhr im Döbelner Theater statt. Die Eintrittspreise fließen in die Finanzierung des Projektes, das auch durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ermöglicht wurde. Ob das aufwendig auf die Bühne gebrachte Stück noch einmal zu sehen sein wird, darüber haben die Macher bereits während des Entstehungsprozesses gesprochen.

Im Raum steht die Idee eines Gastspiels in Amsterdam. „Wir haben über Hella und Sandra Rottenberg Kontakte, aber wir bräuchten wieder Geld, um das zu realisieren“, sagt Judith Schilling, Vorsitzende des Treibhausvereins. „Doch darüber denken wir dann nach, wenn sich alle ein bisschen ausgeruht haben.“

Döbelner Allgemeine Zeitung
Manuela Engelmann-Bunk
25.06.2026